Schwahn Rita3-2010

Rita Schwahn, Copyright: St. Marienkrankenhaus Ludwigshafen

Der meiner Meinung nach spannendste Input am ersten Veranstaltungstag des diesjährigen Deutschen Pflegetags (wobei ich natürlich nicht alle Vorträge gehört habe) war die Vorstellung von zwei Best Practice-Projekten, die Geflüchteten eine berufliche Chance in der Pflege eröffnen. Heute stelle ich hier im Blog das erste Projekt vor, das zweite folgt dann in Kürze.

Beeindruckt war ich vor allem von den individuellen und kreativen Lösungen, die für jeden einzelnen Projektteilnehmer nach seinen jeweiligen Voraussetzungen und Bedürfnissen gefunden wurden. Anfängern auf dem Gebiet schlage ich ja eher vor, einen möglichst homogenen Teilnehmerkreis anzustreben, um sich hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen, der kulturellen Besonderheiten und der Konzeption der Unterrichtsinhalte nicht zu verzetteln. Doch mit erfahrenen Partnern an der Seite kann offenbar auch ein komplexes Szenario bewältigt werden.

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Spannend war auch zu hören, wie sorgfältig die Projekte evaluiert wurden, sodass das Konzept im zweiten und dritten Durchlauf Optimierungen erfuhr und dadurch auch die Erfolge noch deutlicher wurden. Bestätigt hat sich für mich noch einmal meine These aus meinem Buch, dass Projekte mit internationalen Fachkräften immer dann funktionieren, wenn die Projektleitung bzw. Verantwortung jemand übernimmt, der nicht nur professionell, sondern mit Herz und Seele dabei ist – so wie auch Rita Schwahn, Leiterin des Pflegemanagements, die das erste Best Practice-Projekt initiiert hat:

Das Projekt „Förderung von Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf in Ausbildung und Beruf“ des St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus Ludwigshafen – gestartet im Juni 2016 und inzwischen als Maßnahme im Regelbetrieb fortgesetzt

Bei der Qualifizierungsmaßnahme handelt es sich um ein sechsmonatiges, eng begleitetes und durch Theorie- und Sprachunterricht ergänztes Praktikum im Pflegebereich für die Zielgruppe geflüchtete Menschen. Das Ziel: die Teilnehmer je nach individuellen Voraussetzungen an eine Tätigkeit in der Pflege in Deutschland heranzuführen. „Es ist ein langer Weg – fünf Jahre muss man rechnen, bis alles einigermaßen reibungslos läuft“, resümierte Rita Schwahn auf dem Deutschen Pflegetag. „Aber dafür gewinnen Sie neue Mitarbeiter, die aus Dankbarkeit für die Chance, die Sie ihnen gegeben haben, eine sehr hohe Bindung an den Arbeitgeber entwickeln.“

Die 13 Teilnehmer im ersten Projektdurchlauf stammten aus Syrien, Eritrea, Somalia, Aserbaidschan, Pakistan, Afghanistan, Ägypten, Russland, dem Irak und Rumänien und waren 18 bis 41 Jahre alt. Vom unbegleiteten minderjährigen Flüchtling bis zur Mutter, die ihre Kinder in der Heimat hatte zurücklassen müssen, waren verschiedenste Schicksale dabei. Die Kandidaten wurden von der Agentur für Arbeit angesprochen und vorausgewählt. In einem zweitägigen Assessment-Center fiel dann die Entscheidung, wer mitmachen durfte (Merke: Je sorgfältiger die Teilnehmer ausgewählt werden, umso besser später die Erfolgsaussichten und umso mehr Probleme können vermieden werden! Ein Fehler vieler Projekte mit internationalen Fachkräften ist, dass aufgrund des hohen Aufwandes einfach die erstbesten Bewerber angenommen werden). Identifiziert wurden Menschen mit hoher Affinität zum sozialen Bereich und großer Motivation, meist mit Vorerfahrungen in ihrem Heimatland (z.B. begonnenes Medizinstudium, Ausbildung oder Erfahrung im Pflegebereich). Auf gute Sprachkenntnisse wurde in der ersten Runde weniger geachtet – die meisten Teilnehmer starteten mit Level A2. Das stellte sich später auch als die größte Herausforderung heraus. „Noch nicht einmal das Niveau B1 reicht, um dem Unterricht folgen zu können“, so Schwahn. „B2 reicht gerade so.“

Der erste Projektdurchlauf

Das Konzept der ersten Runde sah eine 3-tägige Einführung vor, danach gingen die Teilnehmer täglich von 8 bis 12 Uhr zum Einsatz auf Station und nachmittags von 13 bis 16 Uhr zum Unterricht – an zwei Tagen zum Sprachunterricht, an drei Tagen zum Fachunterricht. Im Alltag mussten viele kleine Fragen bewältigt werden: Wann ist man so krank, dass man nicht zur Arbeit kommen kann? Warum muss die Krankmeldung viermal kopiert und allen Projektpartner zugesandt werden? „Insgesamt hatten wir einen Krankenstand von weniger als 10 Prozent“, berichtet die Projektleiterin. Der Zufall, dass die Teilnehmer so bunt gemischt waren, habe sich als Pluspunkt herausgestellt: So konnten sie sich untereinander nicht anders verständigen als auf Deutsch und lernten die Sprache schneller. „Es war spannend zu beobachten wie sie sich gegenseitig korrigierten.“ Wichtig sei auch, von Anfang an großen Wert auf Pünktlichkeit zu legen und darauf, dass die Teilnehmer die Tagesstruktur mit Arbeits- und Pausenzeiten einhielten. „Sonst klappt das nicht!“, ist Rita Schwahn sicher. „Bei manchen waren Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit immer ein Thema, bei anderen nicht – aber das ist bei deutschen Azubis genauso.“ Echte Probleme gab es nicht. Manche Teilnehmer waren offener und kommunikativer als andere und hatten es leichter mit der Integration. Höflich, freundlich und respektvoll waren sie alle. Manchen Teilnehmern, die noch in Massenunterkünften für Flüchtlinge wohnten, wo sie keine Ruhe hatten, fiel es schwer zu lernen. „Das deutsche Ausbildungssystem verstehen sie allerdings bis heute nicht – dass man so lange lernt und am Ende des Projektes immer noch keinen Abschluss hat. Das mussten wir immer wieder erklären.“

Evaluation und Optimierung

Abschluss Projekt 2017

Die Absolventen der Qualifizierungsmaßnahme, 2. Runde – Copyright: St. Marienkrankenhaus Ludwigshafen

Am Ende der ersten Projektrunde (nach 6 Monaten) hatten elf von 13 Teilnehmern das Projekt erfolgreich beendet, zwei hatten abgebrochen. Alle 11 hatten Sprachkenntnisse auf B2-Niveau erreicht. Zwei, deren ausländische Schulabschlüsse in Deutschland anerkannt werden konnten, begannen die 3jährige Pflegeausbildung. Zwei, die bereits eine Pflegeausbildung in der Heimat abgeschlossen gehabt hatten, bekamen das Projekt als Anpassungsqualifizierung anerkannt und konnten als examinierte Krankenpflegerinnen eingestellt werden. Zwei machen jetzt ihren Hauptschulabschluss und beginnen danach die Altenpflegehilfe-Ausbildung. Eine Teilnehmerin hat sich für eine Weiterbildung in der Radiologie entschieden und nahtlos damit begonnen. Drei Teilnehmerinnen sind schwanger geworden und stehen derzeit nicht für die Mitarbeit zur Verfügung.

Im zweiten Projektdurchlauf wurden Teilnehmer erst ab Deutschkenntnissen auf B1-Niveau angenommen. 11 von 13 brachten einen Schulabschluss mit, der anerkannt werden konnte – die Hälfte den Hauptschulabschluss, die andere Hälfte den mittleren Schulabschluss. „Der Mittlere Schulabschluss ist natürlich besser, sodass sie nach unserer Qualifizierungsmaßnahme in die 3jährige Ausbildung starten können“, erklärt Rita Schwahn, „Denn ich kann nicht unbegrenzt Pflegehelfer einstellen.“ Der Einführungsblock wurde im zweiten Durchlauf auf vier Wochen in Vollzeit verlängert, denn wie man gemerkt hatte, gab es doch so einiges zu vermitteln: Kenntnisse in Grundpflege, Datenschutz, Hygiene, Sprache, Krankenbeobachtung und Sozialkompetenzen. Der Praktikums- und Lernblock blieb mit 6 Monaten Länge unverändert, doch es wurde ein 3-wöchiger Intensivsprachkurs drangehängt, um vor der B2-Prüfung noch einmal ordentlich zu pauken. Es gab wieder 13 Teilnehmer, wieder brachen zwei ab, doch ihre Plätze konnten diesmal mit zwei Nachrückern besetzt werden. Alle schafften das B2-Zertifikat. Eine Bewerberin wollte unbedingt Operationstechnische Assistentin werden, für sie wurden Praxiseinsätze im OP ermöglicht, die im ersten Projektdurchlauf noch ausgeschlossen gewesen waren. „Da muss man nach Bauchgefühl entscheiden. Es hat super funktioniert, aber das lag auch wirklich an dieser speziellen Kandidatin“, sagt Rita Schwahn. Ein Teilnehmer macht inzwischen die Krankenpflegeausbildung, vier machen die Pflegehelferausbildung, zwei machen ihren Hauptschulabschluss. Wer nicht sofort mit einer Ausbildung anfangen kann, überbrückt die Zeit als Bundesfreiwilligendienstleistender. „Es ist wichtig, dass sie in den Strukturen bleiben, damit wir sie nicht verlieren.“

Im dritten Projektdurchlauf wurde die Teilnehmerzahl auf 20 erhöht. Die Qualifizierungsmaßnahme ist inzwischen kein Projekt mehr, sondern wird aus dem Regeletat finanziert. Für die Praxiseinsätze wurde ein Rotationssystem eingeführt, sodass die Projektteilnehmer die ambulante und stationäre Pflege, die Kranken- und Altenhilfe kennenlernen. „Wir bereiten sie damit auf die Generalistische Pflegeausbildung vor“, so Schwahn. Die Pflegemanagerin arbeitet derzeit am Begleitkonzept für weitere Kursdurchläufe: „Wir brauchen einen Sozialpädagogen in Teilzeit, der unsere Mitarbeiter mit Fluchthintergrund in Fragen jenseits der fachlichen Arbeit unterstützt.“ Nun will sie die Finanzierung klären, so wie auch die Finanzierung aufbauender Sprachkurse bis zum Level C1.  „Eine weiterführende Begleitung der Teilnehmer auch nach Ausbildungsbeginn ist unbedingt erforderlich.“ Das Konzept der Qualifizierungsmaßnahme hält Schwan für anwendbar auch auf andere Zielgruppen.

Und das können Sie aus dem Projekt des St. Marienkrankenhauses lernen:

  • Suchen Sie sich erfahrene Kooperationspartner! Das Marienkrankenhaus arbeitet mit der Agentur für Arbeit, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Integrationsbeauftragten der Stadt Ludwigshafen, dem Arbeitskreis für Aus- und Weiterbildung e. V. und dem CJD Rhein-Pfalz/Nordbaden zusammen. Trotz der großen Projektgruppe – beziehungsweise eben gerade wegen des versammelten Know Hows – gelang es, das Projekt in sage und schreibe acht Wochen an den Start zu bringen und die Finanzierung zu sichern. Unter anderem wurden die Sprachkurse über das ESF-BAMF-Programm „Berufsbezogener Sprachkurs“ finanziert und durch den CJD durchgeführt.
  • Stellen Sie eine Praxisanleitung mit einem Teil ihrer Stunden für ein solches Projekt frei und binden Sie sie intensiv ein. Die Praxisanleitung im Marienkrankenhaus war beispielsweise bei den Vorstellungsgesprächen dabei. Es handelte sich, nachdem anfangs niemand gefunden werden konnte, der sich diese Aufgabe zutraute, um eine Kollegin, die aus dem Ausland zurückkehrte und offen für den interkulturellen Austausch war. „Sie ist eine Person, die Probleme angeht und selbst kreative Lösungen findet“, schwärmt Rita Schwahn. „Und das muss sie auch, denn wir wussten ja alle nicht, was auf uns zukommt.“ Im ersten und zweiten Jahr wurde die Praxisanleiterin mit 50 Prozent für diese Aufgabe freigestellt. Dies wurde durch eine Spende unter anderem des Unternehmens BASF finanziert. Im dritten Projektjahr konnte auf 75 Prozent erhöht werden, weil die Teilnehmerzahl jetzt höher ist. Die Praxisanleitung wird nun durch das BAMF finanziert.
  • Überfordern Sie Ihre Stationen und Teams nicht! Im Marienkrankenhaus wurde ein Projektteilnehmer pro Station eingesetzt, dabei wurden Stationen wie die Intensivstation oder die Notaufnahme ausgeklammert. Zusätzlich zur Praxisanleitung wurde pro Station eine weitere Bezugsperson bestimmt, die sich freiwillig erklärt hatte, sich des Praktikanten anzunehmen. „Das waren entweder Pflegekräfte, die aus einem mütterlichen Impuls heraus handelten, oder solche, die interkulturell interessiert waren“, so Projektleiterin Schwahn.
  • Binden Sie alle Beteiligten früh ein! Rita Schwahn führte vorab Gespräche mit den Stationsleitungen, ob sie sich vorstellen könnten, Geflüchtete in die Teams zu integrieren. Viele erinnerten sich an den Jugoslawienkrieg als das Krankenhaus Flüchtlinge aus Jugoslawien eingestellt hatte, die teils heute noch als geschätzte Mitarbeiter im Haus sind. „Warum sollte das nicht nochmal funktionieren?“, war die einhellige Meinung.
  • Bei einem Qualifizierungsprojekt mit Geflüchteten sind bewährte Ausbildungsmethoden, die auch in deutschen Azubi-Klassen gut funktionieren, umso wichtiger! Stimmen Sie beispielsweise den theoretischen Lehrplan eng auf die praktischen Einsätze ab: Wenn die Teilnehmer im Unterricht lernen, den Blutdruck zu messen, sollten sie das ab sofort auch in der Praxis durchführen dürfen. „So prägt sich das Wissen schneller ein und die Projektteilnehmer waren teils schon nach vier Wochen, aber spätestens nach drei Monaten eine echte Entlastung auf den Stationen zum Beispiel bei der Grundpflege, beim Essen austeilen“, so Projektleiterin Schwahn. „Das wurde von unseren Teams auch wahrgenommen und war ein wichtiger Faktor für die breite Zustimmung für das Projekt.“