Flexible Arbeitszeiten – die schreiben sich viele Arbeitgeber auf die Fahnen, doch oft ist es ein leeres Wort. Gut, da wird Gleitzeit angeboten, man kann eine Stunde früher kommen oder eine Stunde später gehen, aber ansonsten alles beim Alten. Home Office wird schon argwöhnisch betrachtet. „Mobiles Arbeiten ist für mich ein Instrument zur Überbrückung von privaten Notfällen“, hörte ich kürzlich aus einer Chefetage, „wenn die Arbeitszeitplanung eines Mitarbeiters grundsätzlich darauf basiert und ohne Home Office gar nicht funktioniert, kann das so nicht laufen.“ Ja, aber wieso denn nicht? Abends noch zwei Stunden arbeiten, wenn das Baby schläft, geht doch wunderbar! Und ja, manchmal funktioniert die Vereinbarung von Familie und Vollzeitjob leider wirklich nur so. Und selbst ohne Familie tut es jedem Mitarbeiter in Sachen Burnout-Vermeidung gut, einen Tag in der Woche morgens nicht in der überfüllten S-Bahn zur Arbeit hetzen zu müssen, sondern gemütlich im Bademantel und mit einem Kaffee in der Hand vom Bett aufs Sofa umzuziehen, den Laptop anzuwerfen und sich in aller Seelenruhe ohne Störung aus dem Bienenstock Büro auf die Fertigstellung eines Strategiepapiers zu konzentrieren.

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Wie auch immer – Arbeitgeber, die flexible Arbeitszeiten als Alleinstellungsmerkmal nennen und im Personalmarketing damit nach draußen gehen, sollten das nur tun, wenn sie wirklich flexible Arbeitszeitmodelle zu bieten haben (Amazon Affiliate Link). Flexible Arbeitszeiten in die Stellenausschreibung zu schreiben und dann nur die übliche Gleitzeit zu bieten, wirkt eher peinlich. Unsere Krankenpflege-Bloggerin Svenja beispielsweise hat beim Praktikum in Wien die 12-Stunden-Schichten kennengelernt. Klingt erstmal heftig, aber wenn man dadurch nur drei Tage die Woche arbeiten muss und vier Tage frei hat, sieht die Sache schon ganz anders aus! „Ich hatte wirklich das Gefühl, ständig frei zu haben und total wenig zu arbeiten, obwohl meine Gesamtstundenanzahl genauso viel war, wie in sechs Wochen Einsätzen im deutschen Krankenhaus“, resümiert Svenja.

Die Agaplesion Bethanien Diakonie führt in ihrem neuen Pflegeheim in Hamburg ein ganz anders System ein: Die Mitarbeiter werden im Wechsel 7 Tage arbeiten und 7 Tage frei haben. Ich habe mit Andreas Wolff, Leiter der Unternehmenskommunikation bei der Agaplesion Bethanien Diakonie, gesprochen:

Andreas Wolff XINGHerr Wolff, wie genau funktioniert dieses neue Arbeitszeitmodell bei Ihnen?

Die Flexibilität errechnet sich bei uns nicht aus Tagesarbeitszeiten, sondern Flexibilität bedeutet bei uns: Planungssicherheit. Ich arbeite eine Woche und habe dann eine Woche frei. Der Dienstplan steht für 12 Monate im Voraus! Ich weiß dann schon im Januar, dass ich die zweite Mai-Woche frei haben werde. Das ist doch Klasse! Die Krux in normalen Pflegeheimen ist: Eigentlich haben Sie heute einen freien Tag, doch dann fällt ein Kollege aus, Sie werden angerufen und müssen doch zum Dienst. Damit muss man schon fast rechnen, und bei den Kollegen entsteht ein emotionaler Druck. Den wollen wir abschaffen.

Die Idee ist, dass es für jede Wohngruppe ein Team aus acht bis zehn Mitarbeitern gibt. Innerhalb dieses Teams sind die Mitarbeiter auf feste Wochen aufgeteilt. Wird dann jemand krank, können das die anderen Mitarbeiter abfangen. Außer natürlich, es geht der Norovirus um, dann kann es in Ausnahmefällen schonmal sein, dass wir auch jemanden aus der anderen Woche anrufen müssen.

Die tägliche Arbeitszeit geht von 7.45 bis 20 Uhr. Von diesen zwölfeinviertel Stunden hat der Mitarbeiter 45 Minuten Pause und 90 Minuten Bereitschaftsdienst, in denen er zum Beispiel einkaufen gehen kann, aber telefonisch erreichbar sein und einspringen muss, wenn es brennt. Für diese Freizeit bekommt er insgesamt eine Stunde Arbeitszeit angerechnet. Das heißt, ich arbeite 10 Stunden am Tag, bekomme aber 11 bezahlt. Insgesamt komme ich bei einem Vollzeitjob auf 38,5 Wochenstunden.

Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Arbeitszeitmodell einzuführen?

Unser stellvertretender Geschäftsführer hatte davon gehört. Dadurch, dass die Idee von ganz oben kam, gab es auch keine Diskussionen bei der Umsetzung. Es gibt in Deutschland zwei oder drei Pflegeheime, in denen dieses Modell praktiziert wird und in denen es bei den Mitarbeitern gut ankommt. Nun eröffnen wir ein neues Pflegeheim in Hamburg, wo das Pflegepersonal knapp ist. Wir brauchten also ein wirksames Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir an die Bewerber herantreten können. Ein tolles Arbeitsklima zu versprechen, bringt nichts, das kann ja keiner beweisen. Das Arbeitszeitmodell ist aufmerksamkeitsstark und polarisiert. Die Bewerber finden es entweder toll oder nicht. Es gibt einen guten Werbeslogan her: 2 Wochen arbeiten, 4 Wochen bezahlt bekommen! Und wir sind das einzige Pflegeheim in Hamburg, das so arbeitet. Wir bieten auch Jobsharing an: Zwei Mitarbeiter können sich eine Vollzeitstelle teilen. Der eine kommt von 7.45 bis 13.30, der andere von 13.30 bis 20.00 Uhr.

Wie ist das erste Feedback?

Unser neues Heim eröffnet am 1.8.15. Wir haben unser Personal rekrutiert und sind startklar. Diejenigen, die sich dafür entschieden haben, bei uns zu arbeiten, geben positives Feedback. Besonders die Planungssicherheit überzeugt die Mitarbeiter. Es gibt natürlich bestimmte Lebenssituationen, für die dieses Arbeitszeitmodell nicht passt. Zum Beispiel für Alleinerziehende. Nach einem halben Jahr werden wir das Arbeitszeitmodell mit der Haus- und der Pflegedienstleitung auswerten. Es wird auch einen Mitarbeiterfragebogen geben. Dann werden wir sehen, ob es funktioniert, oder ob wir nachjustieren müssen.

Vielen Dank, Andreas Wolff!