Schülerpraktikanten, Vorpraktikanten, Studierende im Pflichtpraktikum – der Durchlauf in sozialen Einrichtungen ist groß. Meist werden die jungen Leute allerdings eher als Belastung empfunden anstatt als Riesen-Chance für die Personalgewinnung. In der Jugendhilfestation Neumarkt der Rummelsberger Diakonie ist man sich dagegen des Potenzials bewusst, wie Dienststellenleiter Herbert Schärdel im Interview unten erzählt. Auch das Rauhe Haus in Hamburg macht gute Erfahrungen mit einem professionellen Praktikanten-Programm, aus dem viele Festanstellungen hervorgehen.

Was zu einem professionellen Praktikanten-Programm gehört

  • Der Bewerbungsprozess wird genauso professionell durchgeführt wie bei Festanstellungen.
  • Es gibt einen Praktikantenbeauftragten oder eine konkrete Person (Praxisanleiter*in, Ausbildungsleiter*in), die sich um die Praktikanten kümmert. Zusätzlich gibt es für jeden Praktikanten einen „Tandempartner“ oder „Mentoren“ im Team, der sich verantwortlich für das Wohlergehen fühlt.
  • Es gibt ein ausformuliertes Konzept zur Praktikantenbetreuung und Richtlinien zum Umgang mit Praktikanten, die für alle Mitarbeitenden verpflichtend sind.
  • Das Praktikum wird vergütet.
  • Die Praktikanten lernen verschiedene Arbeitsbereiche in der Einrichtung kennen und dürfen eigenverantwortlich kleine Aufgaben und Projekte übernehmen. Die Talente der Praktikanten werden systematisch ermittelt und durch einen Einsatz an passender Stelle gefördert.
  • Während des Praktikums wird der Praktikant von allen Mitarbeitenden wertschätzend behandelt. Sollten einzelne Praktikanten für die Teams eine Belastung im Arbeitsalltag darstellen, gibt es einen festgelegten Prozess, wie dieses Problem angezeigt und gemeinsam gelöst werden kann.
  • Es gibt regelmäßig kurze Feedback-Gespräche mit den Praktikanten und ein Exit-Interview, in dem die beruflichen Pläne des Praktikanten erforscht werden. Der ausscheidende Praktikant wird mit einem Vermerk zu seinem voraussichtlichen Schul- oder Studienabschluss in den Talentpool aufgenommen. Er wird regelmäßig kontaktiert und ihm wird ca. ein halbes Jahr vor dem Abschluss ein Ausbildungsplatz oder eine Festanstellung angeboten. Studentischen Praktikanten wird idealerweise in der Zwischenzeit ein Studentenjob angeboten, um den Kontakt lebendig zu halten.
  • Eine besondere Herausforderung sind Schülerpraktikanten, doch auch für sie lohnt sich der oben beschriebene Aufwand. Ihnen wird proaktiv ein Ausbildungsplatz oder ein (Vor-)Praktikumsplatz für ihr Studium angeboten.
  • Das Praktikantenprogramm wird – vor allem in Bezug auf die Übernahmequote – evaluiert. Zahlen wie Abbruchquoten, Vergleiche zwischen verschiedenen Einsatzabteilungen o.ä. können Erkenntnisse über Verbesserungsmöglichkeiten des Praktikantenprogramms liefern.

 

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Praktikant*innen bei der Jugendhilfestation Neumarkt der Rummelsberger Diakonie

Ganz so weit ist die Jugendhilfestation Neumarkt noch nicht, doch Dienststellenleiter Herbert Schärdel hat das Potential der Zielgruppe erkannt. Praktikantin Alexandra Peichinger, 23, merkt das sofort: „Ich werde wie eine Mitarbeiterin behandelt, aber habe nicht die volle Verantwortung. Auch der wertschätzende Umgang miteinander trägt dazu bei, dass ich mich hier sehr wohl fühle.“ Durch den Tipp einer Bekannten war sie auf die Rummelsberger Diakonie aufmerksam geworden – gute Bedingungen für Praktikanten sprechen sich herum, und Empfehlungsmarketing ist wirksamer als jeder Flyer oder jede Webseite.

Herr Schärdel, seit wann ist man sich in der Jugendhilfestation der Bedeutung von Praktikanten für die Personalgewinnung bewusst?

Wir nehmen seit gut 10 Jahren regelmäßig Praktikanten. In diesem Zeitraum ist die Bedeutung für die Personalgewinnung durch vorhergehende Praktikanteneinsätze gestiegen. Bei uns bewerben sich oft mehr Praktikantinnen und Praktikanten als es Plätze gibt. In der Regel sammeln ein Halbjahrespraktikant und drei bis fünf weitere Praktikantinnen gleichzeitig Berufserfahrung.

Gibt es für die Praktikantenbetreuung ein Konzept oder Richtlinien, wird sie evaluiert?

Derzeit noch nicht. Ich gebe das als Anregung an meine Nachfolgerin weiter. Fest eingerichtet ist bisher, dass alle Bewerbungen für ein Praktikum bei der Jugendhilfestation ausführlich durch die Leitung geprüft werden. Bei grundsätzlicher Eignung geht die Bewerbung an einen dafür beauftragten Praktikantenbetreuer aus unserer Mitarbeiterschaft weiter, der die Möglichkeiten auslotet und mit dem Bewerber bespricht. Daraus wird dann ein individuelles Konzept für den Einsatz erstellt. Von Leitungsseite wird in Abständen überprüft, wie das Praktikum verläuft und am Ende ein Auswertungsgespräch geführt: Ich führe regelmäßig Reflexionsgespräche mit den Praktikantinnen und Praktikanten. So können sie Rückmeldung geben und ihre Wünsche und Anregungen mitteilen.

Wie viele der 37 Mitarbeitenden der Jugendhilfestation sind ehemalige Praktikanten?

Bisher wurden fünf ehemalige Praktikanten in feste Arbeitsverhältnisse übernommen.

Anders gesagt sind rund 14 Prozent unserer Mitarbeitenden ehemalige Praktikanten!

Gehen Sie mit Schülerpraktikant*innen genauso um wie mit Studi-Praktikant*innen?
Es bewerben sich Praktikanten mit unterschiedlichsten Voraussetzungen. Bei Schülern handelt es sich meist um ein „ Schnupperpraktikum“. Sie sollen eine Vorstellung von unseren Arbeitsfeldern gewinnen, können aber in der Regel eher wenig direkt eingesetzt werden. Häufiger bewerben sich Sozialpädagogik-Studenten. Hier dauert das Praktikum meist 22 Wochen und es liegen beim Bewerber bereits sozialpädagogische  Kenntnisse vor. Hier sind deshalb die Einsatzmöglichkeiten deutlich vielfältiger. Teilweise bleiben Kontakte  auch nach Praktikumsabschluss bestehen. So hatten wir auch schon mehrere Praktikanten, die nach dem Ende des „ offiziellen“ Praktikums noch als geringfügig Beschäftige eine Zeit lang bei uns geblieben sind und ihre Aufgaben weitergeführt haben.

Wie gelingt es Ihnen, dass die Stammbelegschaft die Praktikanten nicht als zusätzliche Belastung empfindet?

In der Regel bringen Praktikanten, die sich im sozialen Umfeld engagieren, auch besondere Begabungen und Fähigkeiten mit. Unser Ziel ist es, diese wenn möglich mit zu nutzen. Ein Beispiel: Wir hatten einmal eine Praktikantin mit einer Gymnastiklehrerausbildung. Sie bot innerhalb unserer Familienarbeit auch Bewegungskurse für Mütter mit an, was eine tolle Bereicherung unserer Angebote war. Wichtig finde ich, dass sich „Aufwand“ und „Ertrag“ in etwa die Waage halten. Wenn wir durch Praktikanten auch Entlastung erfahren oder neue Anregungen bekommen, wird der „Aufwand“ nicht als belastend empfunden. Zudem sind die vielen positiven Rückmeldungen von Praktikanten auch eine Motivation für Mitarbeiter, sich mit einzusetzen und gute Einblicke in die Arbeitsfelder zu gewähren.

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Die Perspektive der Praktikant*innen

Magdalena Zäuner, die 22 Wochen in der Jugendhilfestation Neumarkt im Einsatz war, behielt besonders die Momente in Erinnerung, wo sie nicht nur zuschauen, sondern mit anpacken durfte: „Ich war von Anfang an bei der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Ausländern dabei und war in den Aufbau dieses Bereichs voll involviert“, erzählt die 23-Jährige. Als sie ihrer Praxisanleitung sagte, dass sie gerne ihren Schwerpunkt auf dieses Fachgebiet legen würde, wurde ihr das ohne Weiteres ermöglicht. Nachdem das vergütete Praktikum dem Ende zuging, wollte Zäuner neben ihrem Studium weiter junge Flüchtlinge begleiten. Dienststellenleiter Herbert Schärdel bewilligte sofort ihre Anfrage und so wurde die Studentin fest angestellt und kam an zwei Tagen in der Woche von ihrem damaligen Wohnort Regensburg nach Neumarkt. Mittlerweile ist sie in Vollzeit bei der Jugendhilfestation Neumarkt beschäftigt – eine Erfolgsgeschichte der Personalgewinnung durch intensive Praktikantenbetreuung.

Das Foto zeigt Herbert Schärdel, Magdalena und Alexandra sowie ihre Praxisanleiterin. Copyright: Lena Oedinger