Wer sich vorgenommen hat, aufgrund des Fachkräftemangels in Deutschland im Ausland Pflegekräfte zu rekrutieren, wird schnell feststellen, dass der Markt in anderen europäischen Ländern auch beinahe abgegrast ist. Immer mehr Arbeitgeber machen sich daher bis nach Asien auf, um neue Mitarbeiter zu finden. Die Sinologin Olivia Prauss hat sich mit Yanglao AltenpflegeServices selbstständig gemacht und vermittelt Pflegekräfte aus China.

Frau Prauss, wie kommen Sie auf China als Kooperationsland?

Meine Begeisterung für das Land ist bereits in meiner Jugend aufgeflammt. Mein Hobby war damals Kung Fu, auch erste Sprachkurse in Chinesisch habe ich gemacht. Auf mein Studium der Sinologie mit Auslandssemester in China folgten dann Praktika zum Beispiel beim Goethe-Institut in Shanghai, und ein Aufenthalt bei einer Gastfamilie auf dem Land. Ich habe Deutsch als Fremdsprache für Chinesen unterrichtet und viereinhalb Jahre für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Projekten vor Ort gearbeitet. Meine umfangreiche Erfahrung in der interkulturellen Zusammenarbeit möchte ich jetzt im Zusammenhang mit dem Pflegenotstand, der uns alle angeht, einbringen.

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Wie ist die Situation in China?

Es gibt im Land weniger soziale Hilfestrukturen, es wird noch viel mehr in der Familie geregelt. Doch nach vielen Jahren der Ein-Kind-Politik können nicht mehr alle Senioren zu Hause gepflegt werden. Menschen ziehen in die Städte, man lebt in kleinen Wohnungen und die Mieten werden immer teurer – da kann ein junges Paar nicht unbedingt die Eltern und die Schwiegereltern aufnehmen. In der Folge werden mehr Pflegeheime gebaut. Know-How und gute Ausbildungskonzepte sind gefragt. Viele junge Chinesen haben großes Interesse an einer hochwertigen Berufsqualifikation und an Arbeitserfahrungen im Ausland, die in ihrer Heimat ein hohes Ansehen genießen und als Karrieresprung verstanden werden – eben auch in der Pflege.

Passen Deutschland und China als Kooperationsländer zusammen?

Wer ausländische Fachkräfte beschäftigen will, muss ihre Kultur verstehen. Eine Reise in ihr Herkunftsland empfiehlt sich dringend. Mehr Tipps finden Sie in meinem Fachratgeber „Wie die Anwerbung von ausländischen Fachkräften gut gelingen kann“ (Walhalla Verlag, 2018; Amazon Affiliate Link).

Der demografische Wandel ist dort genauso wie hier ein Thema. China ist jedoch ein Schwellenland, da gibt es keine „klassische“ internationale Entwicklungszusammenarbeit mit China mehr wie mit ärmeren Ländern. Projekte müssen anders aufgebaut werden. China ist grundsätzlich sehr interessiert am deutschen Modell der dualen Ausbildung in der Pflege. Die Praxisorientierung und hohen Qualitätsstandards werden in China sehr geschätzt. Viele Jahre lag der Fokus dort auf Hochschulbildung. Und jetzt gibt es viele Akademiker, die keine Arbeit haben. Man will die berufliche Bildung aufwerten und wieder verstärkt Fachkräfte mit mehr Praxiserfahrung ausbilden. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, in denen häufig die Akademisierung der Pflege propagiert wird, ist das ein Vorteil für Deutschland.

Wenn Sie bei der Anwerbung von internationalen Fachkräften auf einen Dienstleister zurückgreifen wollen, sollte dieser sich nachweislich sehr gut im Herkunftsland auskennen. Wie Sie einen seriösen Dienstleister finden, lesen Sie in „Wie die Anwerbung von ausländischen Fachkräften gut gelingen kann“ von Maja Roedenbeck Schäfer (Walhalla Verlag, 2018; Amazon Affiliate Link).

Eine Herausforderung in der Zusammenarbeit ist, dass die Chinesen gerne groß denken, während wir Deutschen eher vorsichtig-sorgfältig planen. Es wird dann zwar weniger umgesetzt als geplant und die Anforderungen bleiben oft vage. Aber wenn ich dort erzähle, dass ich Fachkräfte vermittele, wollen sie gleich 100 Vermittlungen pro Jahr als Ziel setzen. Wenn ich dann bremse, verliere ich teilweise wichtige Kooperationspartner. Denn andere Länder stehen auch gerne für Projekte mit China bereit, Deutschland ist nicht das einzige Land, das Pflegepersonal im Ausland rekrutiert. Der Visumsantrag ist bei manchen in einer Woche durch – während das Verfahren in Deutschland bis zu mehreren Monaten dauert und der Ausgang ungewiss ist. Da gilt für mich, ein bestmögliches Erwartungsmanagement zu betreiben und gut zu vermitteln. Die Verhandlungen mit den chinesischen Partnern sind langwierig und ohne Beziehungen läuft nichts.

Wie läuft die Fachkräftevermittlung bei Ihnen ab und welche Leistungen bieten Sie an?

Ich arbeite mit Pflegeschulen zusammen, die mir Bewerber vorschlagen, und treffe eine Vorauswahl. Auf Wunsch begleite ich deutsche Arbeitgeber zum Vorstellungsgespräch nach China oder organisiere Skype-Interviews. Meine Zielgruppe sind junge Leute um die 20, die schon eine Pflegeausbildung oder Pflegeerfahrung haben und gewillt sind, in Deutschland noch einmal von vorne anzufangen. Wenn die Ausbildung verkürzt werden kann oder es mit einer Anpassungsqualifizierung getan ist, sind natürlich alle froh. Deutschkenntnisse auf B1-Niveau sind Voraussetzung für das Visum, die bringen sie also mit.

Was kostet die Vermittlung?

Die Vermittlung und Betreuung einer Fachkraft kostet ab 3.000 Euro. Je nachdem, ob der Arbeitgeber möchte, dass ich die Visaverfahren etc. betreue, variiert der Preis. Für ein interkulturelles Training mit den Pflegeteams nehme ich 600 Euro pro Tag. Da ich Chinesisch spreche und eine Ausbildung zur interkulturellen Trainerin gemacht habe, kann ich als Integrationscoach fungieren und die Fachkräfte hier betreuen.

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Wenn ein Arbeitgeber Interesse anmeldet, komme ich zum Briefing: Was kommt auf den Bewerber zu? Wie ist die Vergütung, wie sind die Arbeitszeiten? Gibt es einen Integrationscoach vor Ort? Wie lautet der Zeitplan, in welcher Dimension soll sich das Projekt bewegen? Es ist für die Bewerber sehr wichtig, sich ein gutes Bild darüber zu machen, wo sie arbeiten werden. Ich empfehle, gleichzeitig mehrere Fachkräfte in die Einrichtung zu holen, weil sie sich dann bei Heimweh untereinander helfen können.

Welche Besonderheiten der chinesischen Kultur muss man bei der Erstellung eines Integrationskonzeptes für die ausländischen Fachkräfte beachten?

Die Kommunikation in China ist indirekter als bei uns. Was man hier frei heraus sagt, kann dort als beleidigend gelten. Man merkt das im Gespräch daran, dass das Gegenüber nicht unbedingt so reagiert wie erwartet, vielleicht auf eine Kritik hin nickt oder lächelt. Das Bauchgefühl sagt einem dann meistens: „Irgendwas läuft hier gerade in die falsche Richtung“. Darauf muss man die Mitarbeiterschaft vorbereiten.

Auch kann der große Respekt der Chinesen vor dem Alter im Pflegealltag hinderlich sein. Einerseits ist es zwar schön, wie respektvoll ihr Umgang mit den Senioren ist, doch wenn sich zum Beispiel eine Bewohnerin im Pflegeheim weigert, ihre Medikamente zu nehmen, fällt es der chinesischen Fachkraft schwer, sich durchzusetzen.

Und dann das Thema Hierarchie. In Deutschland haben wir flache Hierarchien, ganz besonders in der Pflege. Die chinesischen Fachkräfte sind aber eine strenge Hierarchie gewohnt. Sie trauen sich nicht, Fragen zu stellen, sie suchen sich oft nicht selbst Aufgaben. Das ist kein böser Wille, sie sind es einfach nicht anders gewohnt.

Haben Sie noch einen letzten Tipp für deutsche Arbeitgeber, die in China rekrutieren wollen?

Haben Sie realistische Erwartungen! Viele denken „Wenn ich mir schon die Mühe mache, im Ausland zu rekrutieren, will ich aber auch eine 100prozentige Erfolgsquote“. Dabei vergessen sie, dass es auch deutsche Auszubildende gibt, die ihre Ausbildungen abbrechen. Das kann natürlich auch bei einer Person aus dem Ausland passieren. Da sind Mitarbeiterbindungsmaßnahmen gefragt – und diese sind wichtiger Bestandteil unserer gemeinsamen Arbeit als Pflegeeinrichtung, Schule und Dienstleister.