Was tun, wenn man moderne Arbeitskleidung einführen möchte, aber das Team am Apothekerkittel hängt? Chef*innen im Gesundheitswesen müssen nicht nur strategische Entscheidungen treffen und die Zahlen im Blick behalten, sondern auch für die Motivation ihrer Mitarbeitenden sorgen. Katrin Scheunemann-Lorra, Inhaberin der Eichen Apotheke in Berlin-Lichterfelde und der Lichtenrader Apotheke am S-Bhf Schichauweg, berichtet in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026), wie sie das im Arbeitsalltag in ihren Apotheken, aber auch im Rahmen ihres vielfältigen berufspolitischen Engagements macht. Hier ein Ausschnitt aus dem Interview.
Wie kamen Sie zum Beruf der Apothekerin?
Wie wohl viele Mädchen wollte ich ursprünglich berittene Polizistin werden, danach stand ein Jurastudium im Raum. Mein Vater war Waffenmechaniker bei der Nationalen Volksarmee in der DDR und nach der Wende Kfz-Mechaniker. Wenn ich ihn von der Arbeit abgeholt habe, bin ich durch die Panzerhallen gelaufen. Von meiner Mutter, die selbst Chemikerin war und meine Leidenschaft für die Naturwissenschaften sehr gut kannte, kam die Idee, Pharmazie zu studieren. Da ist von allem etwas dabei: Chemie, Biologie, Medizin. Das passte wie „Arsch auf Eimer“, wie man so schön sagt.
Ich mag es, Zusammenhänge zu verstehen und anderen Menschen zu erklären. Mit meinem fotografischen Gedächtnis konnte ich mir die Formeln gut einprägen, und mein räumliches Vorstellungsvermögen erlaubt es mir, die Strukturen großer Moleküle nachzuvollziehen. Die Naturwissenschaften funktionieren sehr logisch. Wer verstanden hat, welches Element mit welchem reagiert und wer wen lieber mag als den anderen, bekommt jede Formel hin. Ich liebe den Beruf trotz aller Erschwernisse der letzten Jahre noch immer!
Wie schaffen Sie es, den Mut nicht zu verlieren?
Ich engagiere mich berufspolitisch im Vorstand des Berliner Apotheker-Vereins, als Delegierte in der Apothekerkammer Berlin, im Berliner Prüfungsausschuss für Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte (PKA) und im Expertenrat Impfen. Langsam gelingt es uns, auf der berufspolitischen Ebene ein Umdenken herbeizuführen. Wir Apotheker*innen können mehr für die Gesunderhaltung der Menschen und das Gesundheitswesen tun als eine Schachtel aus dem Schub zu holen und über den Tisch zu schieben. Vier Jahre naturwissenschaftliches Studium, ein Jahr in der Praxis und die Staatsexamina bereiten uns auf die komplexen Zusammenhänge einer Arzneimitteltherapie vor. So dürfen wir seit knapp fünf Jahren gegen Covid und Grippe impfen. Prävention und diverse weitere Dienstleistungen in Apotheken können die Arztpraxen entlasten.
Wie vereinbaren Sie Ihr vielfältiges Engagement mit dem Privatleben?
Ich bin im Ostteil Berlins, in Friedrichshain, groß geworden. Dass Frauen neben der Kindererziehung voll arbeiten, ist in unserer Familie ganz normal. Ich habe im Jahr 2005 mein Studium abgeschlossen und drei Jahre in einer Apotheke in Tiergarten gearbeitet. Nachdem ich mein erstes Kind bekommen hatte, bin ich in die Lichtenrader Apotheke gewechselt, wo ich die Filialleitung übernommen habe. Als die Inhaberin insolvent ging, habe ich ihr im Jahr 2012 die Apotheke abgekauft. Das war ein großer Wendepunkt in meinem Leben – der Schritt in die Selbstständigkeit!
Ich habe lange überlegt, denn mein zweites Kind war damals noch nicht einmal ein Jahr alt, außerdem war der Arbeitsweg lang. Doch nach einigem Umschauen habe ich keine Alternative gefunden, die mir gefiel. Ich sprach mit meiner damaligen Chefin und sagte eher nebenbei: „Ich würde ja sogar die Apotheke kaufen!“ Sie entgegnete: „Das würdest du tun? Ich kümmere mich darum!“ Ich habe die Entscheidung nie bereut. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Ich habe so viel gelernt, auch im Umgang mit Menschen. Jeder benötigt eine andere Ansprache und Motivation. Ich bin eher der direkte Typ, eine typische Berliner Schnauze, das verträgt nicht jeder. Außerdem bin ich ein Arbeitstier und vergesse manchmal, dass das für andere ein Problem sein kann. Das Team bei Laune zu halten, ist schwieriger als der ganze Rest des Jobs, aber das ist auch richtig so. Wenn die Kolleg*innen gerne zur Arbeit kommen und ich sehe, wie nett sie miteinander umgehen, gibt mir das viel.
Wie kamen Sie in den Besitz Ihrer zweiten Apotheke?
Der vorherige Inhaber der Eichen Apotheke ist ein guter Freund von uns – und mein zweiter Ehemann, der ebenfalls Apotheker ist, träumte schon länger von dieser Apotheke. Der Gründer hat Anfang der 1980er Jahren das ganze Haus einschließlich der Apotheke gebaut und sie bis 1995 geführt. Sein Nachfolger Dr. Andreas Kesselhut und seine Frau sind 2023 in Rente gegangen und kommen immer noch häufig zum Schnacken vorbei. Wir haben das Potenzial dieses Standorts gesehen. Mein Mann und ich waren uns von Anfang an sicher: Wir schaffen das! Wir haben zum Glück unterschiedliche Präferenzen und tragen jeder unseren Teil bei: er liebt das Administrative, die Excel-Tabellen und macht die Buchhaltung, das Controlling, die Rezeptabrechnung. Ich bin das „Frontschwein“, die Kommunikative und bringe die Perspektive aus dem Tagesgeschäft ein. Die Strategie machen wir gemeinsam. Wir arbeiten weiterhin mit dem tollen Team, das wir übernommen und um kompetente Kolleg*innen verstärkt haben.
Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Ich gehöre eher zur jüngeren, moderneren Führungsriege und versuche, das Team mitzunehmen anstatt autoritär zu sein. Dennoch entscheide ich am Ende und stehe auch dafür gerade. Es bringt nichts, Dinge totzudiskutieren, denn es gibt immer jemanden, der etwas nicht gut findet. Ich bin zum Beispiel kein Fan von Kitteln. Früher gehörten sie zum Arzt und Apotheker einfach dazu, aber mir waren die angegrauten Ärmelaufschläge oder die Kugelschreiberflecken an der Brusttasche ein Dorn im Auge. Also habe ich dunkelblaue Poloshirts mit aufgesticktem Namen eingeführt. Da kann auch das Namensschild nicht schief hängen. Es gab eine große Diskussion und am Ende einen Kompromiss: neben den Poloshirts haben wir auch Langarmshirts und Kasacks, daraus kann sich jeder etwas aussuchen.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft?
Mein Wunsch ist es, den Beruf des Apothekers als freien Beruf in der Zukunft zu erhalten. Wie Anwälte oder Architektinnen sind wir für unser Tun selbst verantwortlich, und das ist auch wichtig, weil die Gesundheit ein so hohes Gut ist. Es gibt immer wieder Bestrebungen, Apotheken, die heute als eingetragener Kaufmann (e. K.) oder Offene Handelsgesellschaft (OHG) geführt werden, zur GmbH zu machen. Wie ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), in dem Ärzt*innen angestellt arbeiten. Aber damit gehen wirtschaftliche Zwänge einher und man würde in Versuchung geraten, Medikamente wegen einer besseren Marge oder eines Mengenrabatts zu empfehlen. Als unabhängige Apothekerin kann ich dagegen auch mal vom Kauf abraten, wenn ich weiß, dass etwas nichts bringt.
Personal zu finden, wird auch immer schwerer. Wie alle Branchen haben wir mit den modernen Vorstellungen von Arbeit zu kämpfen. So schön wie Work-Life-Balance ist – ich kann nicht jeden nur von 9 bis 14 Uhr arbeiten lassen. Zum Glück haben wir einen guten Ruf bei den Praktikant*innen von der Freien Universität Berlin und einen hohen Bekanntheitsgrad in der Branche, weil auch Dr. Kesselhut in der Berufspolitik sehr aktiv war. Die Apothekerzunft in Berlin, aber auch in ganz Deutschland, ist erstaunlich überschaubar, man trifft sich immer wieder.
Die Konkurrenz durch die Onlineversender ist ein weiteres Thema. Sie bekommen hohe Boni, sparen Steuern – dabei sollte Gesundheit mehr wert sein als ein Rabatt. Es gibt immer wieder Situationen, wo es wichtig ist, dem Kunden in die Augen zu schauen. Wenn ein Arzt eine Dosis von 500 mg Amoxicillin verordnet, obwohl der Patient 160kg schwer ist, fällt uns vor Ort auf, dass das nicht reichen kann. Die Internetapotheke hinterfragt das nicht. Digitalaffine Menschen lassen sich gern von Google oder ChatGPT bei Fragen leiten. Doch diese Werkzeuge beantworten nur die konkret gestellte Frage und weisen nicht darauf hin, welche Dinge noch zu bedenken wären. Es geht doch nichts über die Kiez-Apotheke. Wann wird denn das Kind krank? Immer am Samstag um 22 Uhr! Da freut man sich, wenn man den Fiebersaft um die Ecke bekommt.
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Das vollständige Interview mit Katrin Scheunemann-Lorra, Inhaberin der Eichen Apotheke und der Lichtenrader Apotheke, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ – 49 Karrieregeschichten von Persönlichkeiten aus dem Bezirk (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet sie mehr:
- Über die akuten wirtschaftlichen Probleme vieler Apotheken
- Über die unterschiedliche Klientel in unterschiedlichen Bezirken
- Über die Vereinbarung von Beruf und Familie
- Über ihre Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit
Buchbestellung
Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.
Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck kann unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de


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