In euren internationalen Pflegeteams klappt es nicht mit der Kommunikation? Einheimische und migrierte Kolleg*innen geraten aneinander und die Pflege leidet darunter? Aufwändig angeworbene Fachkräfte aus dem Ausland verlassen das Unternehmen schon nach kurzer Zeit wieder? Abhilfe versprechen nun KI-basierte Kommunikationstrainings mit der Virtual Reality-Brille. Die Unternehmensberatung context YELLOWS wurde für ihre Lösung „Kuniro Dialog XR“ mit der Comenius EduMedia Medaille 2026 ausgezeichnet. Wie sie genau funktioniert, erklärt Geschäftsführerin Olivia Prauss im Interview.
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Was kann man genau mit Kuniro Dialog XR machen?
Kurz gesagt kann man in einer digitalen Lernumgebung interkulturelle Gespräche simulieren. Führungskräfte aus Gesundheitseinrichtungen können mit der Virtual Reality-Brille üben, mit Pflegekräften aus dem Ausland zu sprechen, ohne dabei in Kommunikationsfallen zu tappen. Denn es wird immer klarer: Die Anwerbung von internationalen Fachkräften ist das Eine. Schwierig genug, aber damit ist die Arbeit nicht getan. Die nachhaltige betriebliche, kulturelle und soziale Integration [Buchtipp; Affiliate Link] ist der wichtigste Erfolgsfaktor.
context YELLOWS vermittelt seit vielen Jahren Pflegekräfte aus Indonesien, Tunesien, China, und anderen Ländern. Wir haben vielfach beobachten können, was in den aufnehmenden Unternehmen und Teams geschieht, wenn interkulturelle Kompetenzen nicht aktiv trainiert werden. Dass wir mit dem Ansatz von Kuniro Dialog XR richtig liegen, zeigt nun die Auszeichnung beim Comenius Award 2026. Die Comenius EduMedia Medaille ist die höchste Auszeichnung, die die Gesellschaft für Pädagogik, Information und Medien e.V. für digitale Bildungsmedien vergibt.
Kuniro Dialog XR kombiniert die Virtual Reality-Brille mit einer KI-Lösung, wie genau greift das ineinander?
Mitarbeitende, die interkulturelle Kompetenzen trainieren möchten, steigen mit der Virtual Reality-Brille oder aber auch direkt im Browser in das Gesprächsszenario ein. Das ist eine gute Ergänzung zu einer interkulturellen Teamfortbildung, in der theoretische Hintergründe zum Thema Kultur vermittelt werden und in ersten Rollenspielen und Übungen das eigene Verständnis von Kultur hinterfragt wird. Denn Wissensvermittlung allein greift zu kurz – Kompetenzen müssen erlebbar trainiert werden. Kuniro Dialog XR arbeitet mit den Trainierenden an ihrem Kommunikationstil, deckt tiefliegende Unterschiede im Hierarchieverständnis und Unconscious Bias (unbewusste Vorurteile) auf, ermöglicht es beiden Kommunikationsparteien, trotz unterschiedlicher Ansichten das Gesicht zu wahren und negatives Feedback konstruktiv zu geben.
Die Softwarelösung dahinter arbeitet mit Künstlicher Intelligenz. Denn die Gesprächsszenarien bestehen nicht aus vorgegebenen Multiple-Choice-Antworten nach dem Motto: „Welche Antwort hätten Sie gegeben?“ sondern es sind authentische Gespräche. Der trainierende Mitarbeitende redet und der*die internationale Kolleg*in in der Brille reagiert individuell. Damit das funktioniert, haben wir die KI initial trainiert und geben ihr weitere Informationen anhand der Briefings unserer Kund*innen.
Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Die Prompts, mit denen wir die digitalen Avatare in aktuell vier Szenarien zum Leben erwecken, sind jeweils mehrere Seiten lang. Sie beinhalten konkrete Konfliktsituationen (Mitarbeiter kommt ständig zu spät, Mitarbeiterin reicht ihren Urlaubsantrag nicht ein), individuelle und kulturelle Merkmale (ohne Klischees zu bedienen), Hintergrundgeschichten und Lebensläufe, Deutschkenntnisse auf verschiedenen Levels.
Wir müssen der KI sagen, was sie tun soll, wenn die trainierende Führungskraft mehr als drei Sätze am Stück sagt, wenn sie unfreundlich wird und oder mit Konsequenzen droht. Kurz gesagt müssen wir die Learning Journey, die der Kunde definiert, in eine Prompting-Logik übertragen, und das erfordert einiges an Erfahrung. Dazu kommen die Avatare, die programmiert werden müssen – sie haben z.B. 200 Gesichtsmuskeln, damit sie sich realistisch bewegen – und die Atmosphäre, die sich realistisch anfühlen soll – von den Hintergrundgeräuschen im Büro bis zur passenden Möblierung.
Welche Aha-Effekte erleben die trainierenden Führungskräfte?
Im virtuellen Dialog kommt man sehr schnell in die absolut realistische Situation, dass man als Führungskraft genervt ist, weil man Dinge schon mehrfach erklärt hat und in der Konfliktlösung trotzdem keinen Schritt weiterkommt. Oder weil man merkt, dass die ausländische Pflegekraft nur zustimmt, weil sie keinen Ärger haben oder ihr Gesicht nicht verlieren will, obwohl sie nichts versteht oder nicht vorhat, ihr Verhalten zu ändern.
Jetzt bringt es überhaupt nichts, laut zu werden oder auf sein Gegenüber einzureden. Im Gegenteil: ruhig und sanft bleiben, nach Gründen und Lösungsvorschlägen fragen sind die besseren Strategien. Das ist aber, selbst wenn man es weiß, in der Situation alles andere als einfach. Denn bei allem Verständnis für die Probleme der internationalen Kolleg*innen – kranke Familienangehörige in der Heimat, Probleme mit den deutschen Behörden – muss man ja trotzdem Ergebnisse erzielen – Pünktlichkeit, Einhaltung von Fristen – um sein Team führen zu können.
Nach dem Übungsgespräch gibt es in unserem Trainingsprogramm darum eine Auswertung. Die trainierende Person kann sich selbst einschätzen, die Wirkung einzelner Aussagen im Gespräch wird erklärt und mit wissenschaftlichen Hintergrundinformationen zur interkulturellen Kommunikation eingeordnet.
Wo stößt Kuniro Dialog XR an seine Grenzen? Wann braucht man doch andere Trainingsformate?
Wir haben festgestellt, dass es für Komplexträger, die viele unterschiedliche Einrichtungen in der Fläche haben, teils schwierig ist, alle Teamleitungen an einen Standort zu bekommen und mit beispielsweise drei Brillen zu trainieren, um die Kosten im Rahmen zu halten. In diesem Fall empfiehlt sich die Browserlösung.
Für den Lerneffekt ist es allerdings schöner, die Virtual Reality-Brille zu nutzen. Es macht einfach einen Unterschied, ob man nebenbei noch das E-Mail-Programm geöffnet hat und ständig unterbrochen wird, oder ob man wirklich in den Dialog mit dem Avatar eintaucht. Wir haben sehr hochwertige Brillen beschafft, die kaum Schwindel oder Kopfschmerzen verursachen und unter denen die Trainierenden auch ihre normale Lesebrillen oder Gleitsichtbrillen tragen können.
Eine weitere Herausforderung ist das immer noch manchmal konservative Mindset im Gesundheitswesen. Pilot*innen sind es gewohnt, im Simulator zu trainieren. Wenn wir aber einer berufserfahrenen Stationsleitung eine 3D-Brille aufsetzen, erlebt sie das vielleicht zum ersten Mal. Vielleicht denkt sie: „Ich falle gleich vom Stuhl!“, und braucht jemanden, der sie während der gesamten Übung betreut. Das macht das Trainingsszenario aufwändiger und erschwert die Umsetzung im Unternehmen. Manchmal ist dann vielleicht doch ein interkulturelles Training als Workshop passender. Mittelfristig ist es aber wichtig, auch Mitarbeitende im Gesundheitswesen an solche modernen Lernmethoden zu gewöhnen, wenn die Branche den Anschluss nicht verpassen will.
Nicht zuletzt ist die Technologie aufwändig und man muss an manchen Stellen auf Komplexität verzichten. Etwa Übungen zur richtigen Lagerung eines Patienten sind sehr aufwändig zu prompten und zu programmieren, daher wäre es sehr teuer.
Mit welchen Kosten muss man denn für die Technik und Lizenzen rechnen?
Wir machen jetzt in der Early Bird-Phase noch individuelle Angebote, die sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzen: u.a. aus der Anzahl der 3D-Brillen und der Mietdauer, den Versandkosten, den Kosten für die Desinfizierung, dem Aufwand für Prompting und Programmierung individueller Szenarien. Auch kann man KI-Anwendungen nicht unbegrenzt nutzen, sondern muss so genannte Token kaufen, die eine bestimmte Nutzungsdauer ermöglichen. Die wiederum errechnet sich aus der Anzahl der trainierenden Personen und der Szenarien, die sie durchspielen sollen. Bei umfangreichem Einsatz gibt es Rabatte.
Sind Weiterentwicklungen geplant?
Wir bereiten gerade neue Gesprächsszenarien gemeinsam mit einem Kunden vor, die wir dann allen Kunden zur Verfügung stellen können. Auch das Führen von Bewerbungsgesprächen, klassischen Mitarbeiterentwicklungsgesprächen oder Konfliktgesprächen kann mit Kuniro Dialog XR trainiert werden – und das ist eine sehr sinnvolle Maßnahme. Denn Kommunikation im Arbeitsumfeld hat immer unmittelbaren Einfluss auf die Arbeitgeberattraktivität, auf die Fluktuation, auf das Recruiting.
Das Problem, dass Kommunikationskonflikte zu Stress und Kündigungen führen, hat in Zeiten von vermehrtem mobilen Arbeiten und Videokonferenzen noch zugenommen. Perspektivwechsel im virtuellen Gesprächsraum fördern die gegenseitige Empathie und können dem entgegenwirken. Das Zwischenmenschliche darf in unserer immer digitaleren, diverseren und komplexeren Arbeitswelt nicht verlorengehen. Der Name „Kuniro“ leitet sich übrigens aus dem Esperanto ab und steht für den „gemeinsamen Weg“.

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