Das Welcome Center Sozialwirtschaft Baden-Württemberg hat eine Statistik zu den Anfragen ausländischer Fachkräfte vorgelegt, die in Deutschland Sozial- und Pflegeberufen nachgehen möchten. Daraus können wir einiges darüber lernen, welche Informationen die internationalen Bewerber nicht finden, wo die größten Potentiale für deutsche Arbeitgeber liegen und wie sich die Gruppe der Arbeitsmigranten zusammensetzt. Ausgewertet wurden 250 Beratungsvorgänge, die vom Welcome Center im Jahr 2017 durchgeführt wurden.

Die Ergebnisse

Rund 80 Prozent der Beratungsanfragen kommen von ausländischen Fachkräften, die sich bereits in Deutschland befinden, nur 20 Prozent befinden sich noch im Ausland. Möglicherweise müssen deutsche Arbeitgeber des Sozial- und Gesundheitswesens, die ausländische Fachkräfte beschäftigen möchten, also gar nicht unbedingt im Ausland tätig werden, sondern könnten Strategien entwickeln, wie man jene Zielgruppe erreicht, die sich bereits in Deutschland aufhält. Eine andere Interpretation dieser Zahl könnte sein, dass mehr Info-Angebote im Internet und auch in anderen Sprachen zur Verfügung gestellt werden müssen, damit ausländische Fachkräfte bereits in ihrer Heimat erreicht werden können und sich bereits in einem frühen Stadium in Deutschland Beratung holen und Kontakte zu Arbeitgebern knüpfen.

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Die Herkunftsländer

Die Top3-Herkunftsländer der ausländischen Fachkräfte, die dem Welcome Center in 2017 Fragen stellten, sind Bosnien-Herzegowina, Syrien und Gambia. „Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Personaldienstleister verstärkt in diesen Ländern unterwegs sind und dass es speziell für Syrier und Gambier Projekte in Baden-Württemberg gibt“, erklärt Gunther Müller vom Welcome Center Sozialwirtschaft. Es kann also nicht unbedingt aus den Zahlen geschlossen werden, dass das Interesse an einer Arbeitsmigration nach Deutschland in diesen Ländern höher ist als anderswo. Insgesamt handelt es sich aber bei 80 Prozent der Herkunftsländer um Drittstaaten, nur bei 20 Prozent um EU-Mitgliedsstaaten. Das deckt sich mit den Erfahrungen erfahrener Arbeitgeber, die den Eindruck haben, in Europa sei der Markt für Pflegekräfte bereits „abgegrast“. Erfolg versprechend ist das internationale Recruiting vor allem in Drittstaaten.

Das Geschlechterverhältnis

Rund 60 Prozent der Anfragen kommen von Frauen, 40 Prozent von Männern. Das sind zwar immer noch weniger Männer als Frauen, aber das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichener als unter deutschen Sozial- und Pflegefachkräften. Wenn es darum gehen soll, mehr Männer für diese Berufe zu begeistern, könnten männliche ausländische Fachkräfte eine Zielgruppe sein und eine Vorbildfunktion übernehmen.

Die Alterszusammensetzung

66 Prozent der Anfragen kommen aus der Altersgruppe der 25 bis 50jährigen. Das deckt sich mit den Erfahrungen der Arbeitgeber, die bereits ausländische Mitarbeiter nach Deutschland geholt haben: Personen, die sehr jung aus dem Ausland nach Deutschland kommen, haben häufig Probleme mit der Ablösung vom Elternhaus und ein hohes Abbruch-/Rückkehrrisiko. Grundsätzlich ist der Altersdurchschnitt der ausländischen Fachkräfte, die nach Deutschland kommen wollen, niedriger als der Altersdurchschnitt deutscher Pflegekräfte. Die ausländischen Fachkräfte könnten also eine Unterstützung beim Generationenwechsel sein. „Die Arbeitsmigration wirkt verjüngend auf die deutsche Pflege“, bilanziert Gunter Müller.

Die typischen Fragen der ausländischen Fachkräfte

Und mit welchen Fragen melden sich die ausländischen Fachkräfte? „Meist haben sie schon ein konkretes Jobangebot von einem Arbeitgeber vorliegen“, so Müller. „Sie brauchen keine Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, sondern Unterstützung beim Umgang mit den Behörden.“ Über die Hälfte (56 Prozent) möchten wissen, wie der Anerkennungsprozess ihrer Berufsabschlüsse abläuft, wer zuständig ist, wie die Erfolgsaussichten sind und, wenn die Anerkennungsstelle eine Anpassungsqualifizierung fordert, wie und wo diese absolviert werden kann. Kein Wunder, immerhin erhält das Regierungspräsidium in Stuttgart, das in Baden-Württemberg für die Anerkennung zuständig ist, 200 Anträge pro Monat. „Häufig haben Ratsuchende Schwierigkeiten, die Formulierungen in den Antragsformularen zu verstehen“, so Gunter Müller. „Wir verweisen die ausländischen Fachkräfte auf die Webseite anerkennung-in-deutschland.de, auf der die Zuständigkeiten ermittelt werden können und es Informationen zum Anerkennungszuschuss gibt, und an die Anerkennungsberatung des IQ Netzwerks.“ Ist der Anerkennungsbescheid erst da, melden sich die Fachkräfte mit Fragen zum Verständnis des Bescheids. Auch hier kann das IQ Netzwerk helfen – mit seiner Qualifizierungsberatung. Für deutsche Arbeitgeber könnten die genannten Zahlen ein Hinweis sein, dass es sich lohnt, grundsätzlich mehr Anpassungsqualifizierungen anzubieten und diese stärker zu bewerben, sodass die ausländischen Fachkräfte selbst Informationen finden können. Wer internationale Bewerber bei der Anerkennung unterstützt, sammelt als Arbeitgeber Pluspunkte.

Fragen zur Pflegeausbildung hatten nur 15 Prozent der Ratsuchenden, was die Ergebnisse beim Altersdurchschnitt noch einmal unterstreicht. Die Fragen betreffen meist bestehende Ausbildungsprojekte wie das Ausbildungsprojekt Altenpflege für den Kosovo der Diakonie Württemberg oder andere Projekte im Bereich Hauswirtschaft und Altenpflege. „So etwas spricht sich in den Communities sehr schnell herum“, weiß Gunther Müller vom Welcome Center. Auch Fragen nach Ausbildungen für Personen mit erhöhtem Deutschförderbedarf (Asylsuchende) kommen auf. 13 Prozent stellen Fragen zur Sprache und werden an die bundesweite berufsbezogene Sprachförderung speziell für Personen im Anerkennungsprozess verwiesen sowie an verschiedene Qualifizierungsprojekte mit integriertem Sprachlernen.

Fragen zur Finanzierung stellten nur drei Prozent der Ratsuchenden „EU-Bürger*innen kommen meist alleine klar, fragen höchstens einmal nach finanzieller Unterstützung bei den Sprachkursen“, erklärt Gunter Müller vom Welcome Center Sozialwirtschaft Baden-Württemberg. „Insgesamt sind die internationalen Bewerber sehr gewieft und fragen sofort, wo sie vielleicht sogar kostenlos Deutsch lernen und wo sie am schnellsten anfangen können.“ Informiert werden sie beispielsweise über Zuschüsse für die Kosten, die durch den Antrag auf Anerkennung entstehen (Kopien, Zeugnisausstellungsgebühr, …), und eine Unterhaltsunterstützung.

Die Kanäle

Bei fast der Hälfte der Ratsuchenden (46 Prozent) ließ sich nicht feststellen, auf welchem Weg sie auf die Beratung beim Welcome Center Sozialwirtschaft gestoßen waren. Doch der größte Teil der anderen Hälfte (23 Prozent) kam über Empfehlungen von anderen Fachkräften. Damit bestätigt sich noch einmal, dass die Kommunikationswege der Communities der Arbeitsmigranten sehr gut funktionieren und dass, wer sich dort einen guten Namen macht, mit zunehmenden Bewerberzahlen aus dem Ausland rechnen kann. Auch das Internet ist mit 13 Prozent ein wichtiger Informationskanal und wird von deutschen Arbeitgebern noch viel zu selten in Richtung der Zielgruppe internationale Bewerber bespielt.

40 Prozent der Beratungen finden per E-Mail statt, 36 Prozent persönlich und 23 Prozent telefonisch. Hier ist es wichtig, dass die Mitarbeiter, die die Beratungen durchführen, andere Sprachen sprechen. Auch Messaging Dienste wie WhatsApp funktionieren gut für diese Zielgruppe. Grundsätzlich sollte man auf so vielen Wegen wie möglich erreichbar sein. „Die Kontakte kommen über Projekte, über Personaldienstleister oder Initiativbewerbungen“, so Gunther Müller, „und alle ausländischen Bewerber stoßen auf dasselbe Problem: Wie werde ich Fachkraft in Deutschland?“

Beispielfälle aus der Beratung

Konkret geht es in den Beratungen auch darum, ausländischen Fachkräften dabei zu helfen, sich gegen etwaiges Fehlverhalten von Arbeitgebern und Dienstleistern zu wehren. So gab es den Fall eines Arztes aus dem Irak, der aufgrund des Versprechens, vom Arbeitgeber übernommen zu werden, 10.000 Euro für die Reise nach Deutschland, Dokumente, Sprachkurse usw. bezahlt hatte und nun doch eine Absage vom Arbeitgeber bekam. Ein Mann aus dem Kosovo war bei einem Pflegedienst angestellt, bekam aber statt seines Gehaltes nur ein Taschengeld ausgezahlt, nur zwei freie Tage im Monat und wohnte in der Wohnung der Personalvermittler.

Es geht auch um Falschinformationen, die in den Communities weitergegeben werden, und die einen Rattenschwanz an Korrekturberatung nach sich ziehen. So kursiert z.B. das Gerücht, dass man mit einem Masterabschluss sofort eine Anerkennung bekomme oder als Arzt bestimmte Beurteilungen mitbringen müsse. Das Welcome Center klärt auf.

„Wir versuchen, den internationalen Bewerbern eine realistische Perspektive zu vermitteln und Erwartungsmanagement zu betreiben“, erklärt Gunther Müller. Die Ratsuchenden hoffen auf einen kurzen Behördenprozess und einen problemlosen Berufseinstieg in dem Bereich, für den sie qualifiziert sind – in manchen anderen Ländern sind das auch berechtigte Hoffnungen. In Deutschland allerdings nicht. „Wir sagen ihnen, dass eine schnelle Anerkennung nicht funktionieren wird und dass eine Nachqualifizierung außer bei Pflegekräften aus der EU in allen anderen Fällen (andere Berufe, andere Herkunftsländer) mit großer Wahrscheinlichkeit gefordert wird, auch wenn jemand schon zehn Jahre Berufserfahrung mitbringt. Häufig fehlt die Praxiserfahrung im ambulanten Bereich.“

Der Erfolg

Wer die Beratung des Welcome Centers in Anspruch nimmt, macht die Erfahrung, dass dies den Prozess beschleunigt. „Einerseits sorgen wir dafür, dass die Unterlagen vollständig und korrekt ausgefüllt sind, sodass es keinen langen Briefverkehr zu nachgeforderten Unterlagen geben muss“, zeigt Gunther Müller vom Welcome Center auf. „Andererseits wissen die Behörden, dass die Anträge, die über uns kommen, gut vorbereitet sind, und können diese auch schneller abarbeiten.“