Intrinsische Motivation und immer Plan B und C in der Schublade – das ist das Erfolgsgeheimnis von Bernd Quoß, Vorstand im Krankenhaus Waldfriede. Geboren und aufgewachsen in Nürnberg ist er aus dem Krankenversicherungswesen ins Klinikmanagement gewechselt, hat seither einige Leuchtturmprojekte an den Start gebracht und das Unternehmen durch mehrere Krisen manövriert. Wie es ihm gelingt, trotz der aktuellen Lage im Gesundheitswesen optimistisch zu bleiben, und bis zu welchem Punkt er kooperativ, sozial integrativ und demokratisch führt, erzählt er in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ – 49 Karrieregeschichten von Persönlichkeiten aus dem Bezirk (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026).
Einen Auszug aus dem Interview lest ihr hier auf Recruiting2Go. Er ist Teil meiner neuen Serie „Chef*innen im Gesundheitswesen“. Denn wie Personal Branding-Beraterin Andrea Grundmann in meinem Blogbeitrag „Führungskräfte auf LinkedIn“ berichtet, haben nahbare Geschäftsführer*innen und CEOs mit einem modernen Führungsstil einen direkten und messbaren Einfluss auf den Erfolg des Unternehmens bei der Personalgewinnung und -bindung. Grund genug, sich einige Beispiele anzusehen.
Bernd Quoß, wie ist Ihr Berufseinstieg verlaufen?
Als ich Anfang der 1980er Jahre nach der Schule und dem Wehrdienst in die Ausbildung starten wollte, war die Arbeitsmarktsituation eine andere als heute. Man musste sich breiter aufstellen und froh sein, wenn man überhaupt einen Ausbildungsplatz bekam. Also habe ich mich bevorzugt bei sicheren Arbeitgebern beworben und das erste Ausbildungsangebot zum Sozialversicherungsfachangestellten angenommen, das ich bekam. Mir war es wichtig, eigenes Geld zu verdienen.
Knapp 25 Jahre lang habe ich bei der damals größten gesetzlichen Krankenkasse – der Barmer – gearbeitet. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es war ein großer Betrieb mit 20.000 Mitarbeitenden und einem breiten Portfolio an beruflichen Einsatzmöglichkeiten. Daher habe ich auch nie daran gedacht, einmal den Arbeitgeber zu wechseln. Ich habe verschiedene Führungspositionen in den Bereichen Aus-/Fortbildung, Firmenkundenbetreuung, Finanzen, Revision, Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung ausgeübt und bekam die Möglichkeit, berufsbegleitend zu studieren, was damals noch nicht so verbreitet war.
Besonders stolz bin ich darauf, beim Wiederaufbau Ost mitgewirkt zu haben. Anfang der 1990er war ich drei Jahre lang in den neuen Bundesländern tätig, um in Erfurt, Leipzig und Magdeburg das gesetzliche Sozialversicherungssystem aufzubauen. Das war für mich eine wertvolle menschliche und gesellschaftliche Erfahrung: die Mentalität der Menschen, ihre Angst vor der für sie unsicheren Zukunft, der ich mit Empathie begegnet bin.
Ich kann mich generell sehr gut in andere hineinversetzen. Meinen Führungsstil würde ich kooperativ, sozial integrativ, auch demokratisch nennen. Doch all diese Begriffe müssen in der heutigen Zeit und im Krankenhausumfeld auch ihre deutlichen Grenzen haben. Wenn es beispielsweise um Sicherheit oder um Leben und Tod geht, kommt man mit der Konsensfindung nicht weit.
Wie gelangten Sie in die Geschäftsführung des Krankenhauses Waldfriede?
Der Krankenhausträger, die evangelische Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die weltweit über 600 medizinische Einrichtungen unterhält, hat mir die Leitung angeboten. Für die Entscheidung habe ich mir zweieinhalb Jahre Zeit gelassen und meine Zusage von einigen Umstrukturierungen und Verantwortlichkeiten abhängig gemacht. Für mich war der Wechsel von Nürnberg nach Berlin schließlich kein einfacher Schritt. Mit zwei kleinen Kindern einen unkündbaren Arbeitsplatz zu verlassen, ohne zu wissen, wo sich die Krankenhauslandschaft hinbewegen würde, war nicht leicht. Dazu der neue Lebensmittelpunkt in der Hauptstadt. Im Herzen bin ich immer noch Franke und Bayer.
Im Krankenhaus Waldfriede haben Sie turbulente Zeiten gemanagt…
Nicht nur ich. In seiner 106-jährigen Geschichte hat das Krankenhaus Waldfriede alle großen Krisen miterlebt. Darauf habe ich während der Coronapandemie gerne hingewiesen, um die Mitarbeitenden zu motivieren. Unser Haus wurde während der Spanischen Grippe gegründet, der Infektionswelle mit den meisten Toten weltweit. 30 Jahre später gab es mit der Asiatischen Grippe und in den 1960er Jahren mit der Hongkong-Grippe weitere gefährliche Ausbrüche. Alle haben wir gemeistert. Außerdem die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, die Weltwirtschaftskrise von 1929, den Zweiten Weltkrieg, aber auch die Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008.
Wir Menschen denken immer, dass es nie so schlimm war wie heute und dass unsere jetzigen Probleme die allergrößten wären, aber das darf man so nicht sehen. Das Krankenhaus Waldfriede ist übrigens das einzige Krankenhaus in Deutschland, dessen Geschichte in einem vierbändigen Roman beschrieben wurde: „Die Schwestern vom Waldfriede“ (Affiliate Link, Penguin Verlag)! Autorin Corinna Bomann war Patientin bei uns. Sie hat sich danach bei mir um das Rechercherecht bemüht, und schließlich auch die Jubiläumschronik 100 Jahre Waldfriede geschrieben.
Was war für Sie die größte Herausforderung?
In meinem eigenen über 40-jährigen Berufsleben war es eine der härtesten Erfahrungen, im Oktober 2024 ein Schutzschirmverfahren einleiten zu müssen, obwohl wir keine Schuld an den finanziellen Schwierigkeiten trugen, sondern Leidtragende von vielen falschen gesundheitspolitischen Entscheidungen waren. Es war schwierig, den Mitarbeitenden erklären zu müssen, dass wir uns in einer dramatischen Notlage befinden und zu drastischen Mitteln greifen müssen, gleichzeitig aber keine Ängste zu schüren. Ich musste einen guten Zwischenweg finden und die Botschaft transportieren: „Wir stehen vor einer enormen wirtschaftlichen Herausforderung, aber wenn wir uns verändern und alle an einem Strang ziehen, haben wir gemeinsam eine gute Zukunftsperspektive!“
Der Schutzschirm ist erfolgreich überstanden, im Mai 2025 einigte sich das Krankenhaus mit seinen Gläubigern. Wir könnten jetzt in ruhigeres Fahrwasser kommen, wenn die Krankenhausreform und die damit einhergehende Unsicherheit nicht wären. Zum Glück bin ich generell ein Mensch, der nie den Mut verliert und hochgradig intrinsisch motiviert ist – ich brauche keinen Motivationscoach! Außerdem habe ich immer einen Plan B oder C in petto, um auf Unvorhergesehenes vorbereitet zu sein. Das ist mein Arbeitscredo.
Wie haben Sie das Krankenhaus Waldfriede medizinisch weiterentwickelt?
Seit 2013 verzeichnet das Krankenhaus Waldfriede einen starken Anstieg der Patienten- und Behandlungszahlen. Es gehört mittlerweile in der Onkologie – in den Bereichen gynäkologische Tumore, Brust-, Darm-, Anal-, Pankreas- und Schilddrüsenkrebs – zu den Top drei Krankenhäusern in Berlin. In all diesen onkologischen Bereichen ist unser Krankenhaus auch nach der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert.
Wir bieten eines von vier Schilddrüsenkompetenzzentren in Berlin und die größte Handchirurgie, obere Extremität und Fußchirurgie in Deutschland. Darüber hinaus wurden in den letzten Jahren eine Komfortstation und eine Palliativstation eingerichtet. Unsere onkologischen Patientinnen und Patienten werden über ein spezielles Palliativ Care-Team auch ambulant zu Hause versorgt. Seit 2025 ist das Krankenhaus Waldfriede nicht nur akademisches Lehrkrankenhaus der Charité, sondern auch – als einzige Berliner Klinik – akademisches Lehrkrankenhaus der Health Medical University in Potsdam.
Welche herausragenden Projekte gibt es am Krankenhaus Waldfriede noch?
Waldfriede ist schon immer für sein gesellschaftliches Engagement im In- und Ausland bekannt. Stolz sind wir auch auf ein Projekt aus dem sozial-karitativen Bereich. Im Jahr 2013 haben wir gemeinsam mit der Menschenrechts-Aktivistin Waris Dirie ein Genitalverstümmelungszentrum ins Leben gerufen. Unser ganzheitlicher Versorgungsansatz in diesem Bereich ist weltweit einzigartig. Operationen, um die Folgeschäden der Beschneidung bei Frauen zu lindern, werden auch in London oder Paris durchgeführt, doch die Kombination aus plastischen Eingriffen und psychosozialen Hilfen, die wir anbieten, gibt es nirgendwo sonst.
Wir sind auf dieses Thema gestoßen, weil wir in unserem Darm- und Beckenbodenzentrum viele afrikanische Frauen mit Stuhl- und Harninkontinenz behandelt haben, die unter den Nachwirkungen der Beschneidung litten. Durch die enge Zusammenarbeit von Gynäkologie, Darm- und Beckenbodenchirurgie können wir im Krankenhaus Waldfriede helfen. In solche medizinischen Themen arbeite ich mich auch als Vorstand tief ein. Ich war 2011 selbst in Äthiopien und habe mir die Notsituation der Frauen vor Ort angesehen. Denn wenn ich als Betriebswirt mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie verstehen will, welchen Herausforderungen die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte in der Versorgung am Bett gegenüberstehen, hilft ein bloßes Zahlen- und Controllingverständnis nicht weiter.
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Das vollständige Interview mit Bernd Quoß, Vorstand im Krankenhaus Waldfriede, lest ihr in meinem neuen Sachbuch „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf„– 49 Karrieregeschichten von Persönlichkeiten aus dem Bezirk (Verlag Elmar Zinke, Juni 2026). Darin berichtet er:
- Welche zahlreichen Engagements ihn außerhalb seines Berufsalltags bewegen
- Welche Art von umfassender Gesundheitsreform er für notwendig hält
- Ob er im Ruhestand vorhat, nach Bayern zurückzukehren
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Seit 25 Jahren publiziert der Verlag Elmar Zinke unter dem Titel „Edition Profile“ Portraitbände über ausgewählte Persönlichkeiten und Geschäftsleute in einem bestimmten Einzugsbereich, deren Arbeit die Stadt oder Region prägt und Wertschätzung verdient. Die Serie umfasst rund 200 hochwertige Kunstdrucke mit Ledereinband und Fadenbindung, die in einer Manufaktur gefertigt werden und eine Sammlerzielgruppe ansprechen.
Der Interviewband „Profile aus Berlin Steglitz-Zehlendorf“ von Maja Roedenbeck ist neu nicht bei Amazon und anderen Onlinebuchshops erhältlich (gebraucht einige Zeit nach der Veröffentlichung erfahrungsgemäß schon), kann jedoch unter der ISBN-Nummer 978-3-941294-98-1 in jeder Buchhandlung bestellt werden. Oder direkt bei mir anfragen: redaktion[at]maja-roedenbeck.de


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