New Work meint nicht nur die 4-Tage-Woche. Und es funktioniert nicht nur in IT-Berufen. Neue Formen der Zusammenarbeit zum Beispiel in Meetings oder bei übergeordneten Wochen- oder Monats-Aufgaben können auch im Gesundheitswesen – etwa auf Station, in der Arzt- oder Therapiepraxis – zu mehr Mitarbeiterzufriedenheit und einer besseren Bewältigung des turbulenten Arbeitsalltags führen.

Unter dem Schlagwort New Work wird eine neue Arbeitswelt beschrieben, die von Selbstbestimmung der Mitarbeitenden geprägt ist. Dazu gehört nicht nur Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort, sondern auch ein neuer Führungsstil. Vertrauen und Coaching statt Kontrolle durch die Chefin sind angesagt. Und dann wären da noch Motivation durch gemeinsames Arbeiten an einer Vision für das Unternehmen, mehr Zeit für sinnstiftende Tätigkeiten durch den Einsatz neuer Technologien und eine offene Raumgestaltung, die zu Engagement und Innovationen einlädt.

Der österreichisch-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann gilt als Begründer der New Work-Bewegung. Ende der 1970er Jahre entwickelte er das Konzept als Gegenmodell zur traditionellen Lohnarbeit und erprobte es in den 1980er Jahren in der Automobilbranche. Seit Motto: „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“. Anfang der 2000er Jahre kam New Work als Trend mit dem Fokus auf die praktische Umsetzung wieder auf und mündete schließlich in ein etwas verwaschenes Konglomerat von Ideen für die Arbeit der Zukunft, in das auch die digitale Transformation, die Globalisierung und der Einfluss von Künstlicher Intelligenz hineinspielen.

Zum Beispiel das Thema Home Office

Aber wie kann New Work im Gesundheitswesen konkret funktionieren? Nehmen wir zum Beispiel das Thema Home Office. Mobiles Arbeiten und Praxis oder Station müssen sich nicht ausschließen. Medizinische Fachangestellte, die aus der Elternzeit zurückkehren, können zum Beispiel mit einigen Stunden pro Woche anfangen, von zu Hause aus Patientenanfragen per E-Mail zu bearbeiten oder in der digitalen Patientenakte zu dokumentieren. Ärzt*innen können Videosprechstunden anbieten oder die Befundung zu Hause durchführen.

Beruf und Familie lassen sich so leichter vereinbaren und vielleicht auch ein paar Sonnenstrahlen während der Schließzeit der Praxis am Mittag genießen – wenn die Arbeit abends zu Hause nachgeholt wird. Technische Bedingungen wie ein Dienst-Laptop und ein verschlüsselter VPN-Zugang zum Praxisnetzwerk sind vonnöten, (datenschutz-)rechtliche Grundlagen zu beachten: Laut Digital-Gesetz (DigiG) ist die Videosprechstunde auch ortsunabhängig zulässig. Die Berufsordnung der Ärztekammer § 17 gestattet es Ärzt*innen, an Orten außerhalb des Praxissitzes ärztlich tätig zu sein.

Weitere Anwendungsfälle

In meinem Fachbeitrag „New Work in der Zahnarztpraxis: Mehr Zeit, weniger Konflikte“ im Fachnewsletter „Zahnarztpraxis professionell“ des Instituts für Wissen in der Wirtschaft (IWW) wird das Thema Mobiles Arbeiten speziell aus der Perspektive von Zahnärzt*innen beleuchtet: Welche Tätigkeiten von MFAs, ZFAs und Zahnärzt*innen eignen sich für das Home Office und welche nicht? Wer kümmert sich technisch um den Datenschutz? Außerdem gibt es darin weitere Beispiele für die Anwendung von New Work auf Station, in Arzt- oder Therapiepraxen:

  • Rollen statt Hierarchien: Warum der New Work-Ansatz rotierende Verantwortlichkeit vorsieht und wie das konkret aussehen kann
  • Agile Teammeetings: Wie Mitarbeitende in neuen Meetingformaten von Entscheidungskonsument*innen zu wachen, engagierten Teilnehmer*innen werden
  • Aufgaben-Dashboards: Wie man mit der Kanban-Methode den Überblick über den Leistungsfortschritt behält
  • Warum die Führungskraft (die Chefärztin, der Praxisinhaber) ein Selbstverständnis als Coach statt Kontrolletti entwickeln muss und wo man Handlungsideen dafür bekommt

Wie gesagt, mehr dazu in meinem Fachbeitrag „New Work in der Zahnarztpraxis: Mehr Zeit, weniger Konflikte“ im Fachnewsletter „Zahnarztpraxis professionell“ des Instituts für Wissen in der Wirtschaft (IWW).

Design Thinking im Einsatz im Gesundheitswesen

Zum Oberbegriff New Work gehören verschiedene Methoden der Zusammenarbeit: Scrum, Kanban oder Design Thinking, um nur einige zu nennen. Mit diesen lassen sich nicht nur Softwareentwicklungsprojekte umsetzen oder müde Schreibtischtäter*innen motivieren, sondern Lösungen für jede Art von Problem erarbeiten. Und Probleme gibt es auch in den „aktiven Berufen“ im Gesundheitswesen ja genug: Personalmangel, Akutfälle, Teamkonflikte, Missverständnisse zwischen Anmeldung und Behandlungszimmer oder ein hohes Beschwerdeaufkommen durch die enge Termintaktung aufgrund des Finanzierungssystems sind an der Tagesordnung.

New Work kann helfen, diese in den Griff zu bekommen. Denn im Gegensatz zu den bisherigen Standardabläufen auf Station, in Arzt- oder Therapiepraxen, die meist idealtypischen Strukturen und Prozessen folgen, die auf der Annahme aufbauen, dass alles rundläuft, sind die neuen Formate der Zusammenarbeit darauf ausgerichtet, dass es eben nicht rundläuft. Gerade in solchen Situationen öffnen sie neue Türen. Beim Thema Personalmangel kann es zum Beispiel helfen, gemeinsam mit den Mitarbeitenden aus dem Methodenkoffer des Design Thinkings einen Arbeitgeber-Werbeslogan (auch „Arbeitgeberclaim“ genannt) zu entwickeln. Das trägt zum Teambuilding bei und verdeutlicht den Mitarbeitenden, dass sie für die Personalgewinnung selbst mitverantwortlich sind.

Was ist Design Thinking?

  • Ein Ansatz zur Problemlösung oder zur Entwicklung neuer Ideen
  • Angeleitete Übungen mit sich wiederholenden Elementen
  • Kreativität durch Zeitdruck fördern
  • Mitarbeitende aus unterschiedlichen Berufen / Teams verlassen ihre „Blase“ und kommen zusammen
  • Nutzerzentriert, d.h. Mitarbeitende einbinden, um Mitarbeitende zu gewinnen

Die wichtigsten Regeln beim Design Thinking

  • Nicht alles zerdenken: Lass unter Zeitdruck spontane Ideen zu!
  • Keine Idee ist zu verrückt: Zensiere dich nicht selbst!
  • Viel hilft viel: Unter hunderten Ideen ist die eine goldene dabei!

Anwendungsbeispiele für Design Thinking im Gesundheitswesen

In diesen beiden Blogartikeln beschreibe ich genauer, wie das Diakoniewerk Simeon und die DRK Kliniken Berlin die Methode des Design Thinking angewandt haben, um ihrem Personalmarketing auf die Sprünge zu helfen:

Fazit: Warum New Work im Gesundheitswesen Wunder bewirken kann

New Work spart Zeit und Nerven: Durch die Aktivierung und Befähigung von Mitarbeitenden verteilt sich die Arbeit auf mehrere Schultern. Der Laden läuft, auch wenn Führungskräfte durch Urlaub oder Krankheit ausfallen. New Work macht Mitarbeitende zufriedener. Die Fluktuation im Bereich MFA und ZFA sinkt, die Attraktivität als Arbeitgeber steigt und es lassen sich leichter neue Mitarbeitende rekrutieren. Dazu solltet ihr natürlich unbedingt in euren Stellenanzeigen und Karriereblogs- und portalen vom Einsatz von New Work in eurem Gesundheitsunternehmen berichten!

Titelbild: Image by Gerd Altmann from Pixabay

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