Pflegekräfte aus Madagaskar, dem Westbalkan oder Tunesien: Im Haus der Generationen im Bayerischen Wolnzach haben weder die Bewohner, noch die Teams Berührungsängste gegenüber ausländischen Mitarbeitenden.

Kommt doch ein Drittel der Pflegekräfte aus dem Ausland. „Ohne sie wären wir heute mit unserer Pflegeeinrichtung nicht da, wo wir sind“, sagt Inhaber Andreas Röhrich. Im Interview berichtet er über die betriebliche Integration der internationalen Pflegekräfte und entsprechende Maßnahmen. Danach kommt Personalvermittler Ben Said von AVS Forma zu Wort, der das Haus der Generationen in Wolnzach bei der Anwerbung tunesischer Pflegeazubis unterstützt.

Seit wann beschäftigen Sie Pflegekräfte aus dem Ausland?

Wir betreiben als privates Unternehmen eine vollstationäre Altenpflege-Einrichtung mit 125 Betten und zusätzlich unter anderem eine Tagespflege, eine Außenwohngruppe und ein „Essen auf Rädern“-Angebot. Vor sechs Jahren beschäftigte eine Familie aus unserem Ort ein Au Pair-Mädchen aus Madagaskar, das nach seinem Au Pair-Jahr nicht mehr in die Heimat zurückkehren wollte. Sie hatte schon sehr gute Deutschkenntnisse auf B2-Niveau und wir haben ihr angeboten, bei uns die Ausbildung zu machen.

Weil das so gut klappte, haben wir darauf aufgebaut. Aus dem Bekanntenkreis der jungen Frau kamen weitere Madagassen nach. Aber wir haben auch Mitarbeiter aus Bosnien-Herzegowina und Montenegro und seit etwa einem Jahr vermehrt auch aus Tunesien eingestellt. Einige sind Pflegehelfer, einige sind Freiwilligendienstleistende, aber es sind auch Fachkräfte dabei. Aus Tunesien vermittelt uns die Firma AVS Forma (früher: AVS Tunisia) Auszubildende.

Wie kommen deutsche  Mitarbeitende und Pflegekräfte aus dem Ausland miteinander klar?

Wir haben eine sehr offene Unternehmenskultur. Natürlich gab es am Anfang, als die ersten dunkelhäutigen Mitarbeiter bei uns ankamen, auf beiden Seiten Unsicherheiten. Aber da haben wir mit intensiven Supervisionen gegengesteuert. Wir haben uns einfach zusammengesetzt und darüber gesprochen. Die Basis bildet die richtige Einstellung der Geschäftsführung: Ich sehe nicht nur die Arbeitskraft der Leute. Ich weiß, dass es ein Geben und Nehmen ist. Ich will etwas von ihnen, also muss ich auch etwas für sie tun.

Wir bieten das komplette Paket an: zum Beispiel 40 Personalappartements, in denen die ausländischen Mitarbeitenden wohnen können. Bei Behördengängen schicken wir immer jemanden mit. Um manches kümmert sich auch Ben Said von AVS Tunisia, zum Beispiel das Thema Anerkennung. Die Tunesier haben alle ein Abitur, das hier als mittlerer Schulabschluss anerkannt werden kann. Der Migrant hat Vorteile bei uns und weiß das zu schätzen. Nach zwei, drei Jahren haben wir Leute, die gerne bleiben.

Es gibt keine Abbrecher?

Die magische Grenze sind die ersten sechs Monate. Es kommt vor, dass Pflegekräfte aus dem Ausland in dieser Zeit vor lauter Heimweh wieder in die Heimat zurückgehen. Wer es ein halbes Jahr geschafft hat, der ist über den Berg und bleibt.

Wie unterscheiden sich die Bedürfnisse der unterschiedlichen Kulturen?

Pflegekräfte aus dem Ausland haben unterschiedliche Vorkenntnisse. Die Tunesier haben schon ein halbes oder Dreivierteljahr in der Pflege gearbeitet. Sie wissen, wo sie hinlangen müssen. Dafür ist ihr Deutsch noch sehr schwach. Die Madagassen dagegen haben fünf Jahre lang Deutschkurse im Goethe Institut in ihrem Heimatland besucht und kommen mit einem sehr guten B2-Niveau hier an. Dafür haben sie keinerlei Pflegeerfahrung, wir fangen mit ihnen bei null an. Wenn ich einen Tipp geben sollte, würde ich sagen: Es ist wichtiger, dass sie schon Deutsch sprechen. Eine gute Pflegeausbildung nach deutschem Standard können wir ihnen vermitteln.

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Ein weiterer Punkt ist die Religion: Die Tunesier sind muslimisch. Sie suchen Anschluss in der türkischen Gemeinde am Ort. Die Madagassen sind katholisch. Gemeinsam haben sie, dass ihnen der Glaube, der wöchentliche Gottesdienst und der Kontakt zum Pfarrer und zur Gemeinde viel wichtiger ist als den meisten Deutschen. Aber es sind eben unterschiedliche Religionen.

Der dritte Punkt ist das Essen. Zuerst bekamen die ausländischen Fachkräfte dasselbe Essen wie die Bewohner unseres Pflegeheims. Das hat ihnen nicht geschmeckt. Dann haben wir sie gefragt, was sie sich wünschen. Nun kochen wir landestypische Rezepte mit Couscous. Wir haben versucht, unsere Senioren dazu zu bringen, das einmal zu probieren, aber keinen Erfolg damit gehabt. Also kochen wir eben getrennt. Man darf es nicht so organisieren, wie es für das Unternehmen am einfachsten ist, sondern so, dass alle zufrieden sind.

Auf was muss man bei der betrieblichen Integration der Pflegekräfte aus dem Ausland noch achten?

Unser Ort Wolnzach hat 12.000 Einwohner und liegt recht gut zwischen Ingolstadt mit 120.000 Einwohnern in 35km Entfernung im Norden und München in 60km Entfernung im Süden. Das ist eine halbe Stunde beziehungsweise eine ganze Stunde mit Zug. Man muss den ausländischen Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, die Städte zu erreichen. Es gibt einen Bahnhof, aber wir stellen ihnen zusätzlich ein Fahrzeug zur Verfügung.

Wichtig ist auch, dass die ausländischen Mitarbeitenden zwei Ansprechpartner haben: einen Landsmann, der ihre Sprache spricht und ihre Kultur kennt, und einen aus dem Unternehmen. Bei uns sind das – für die Tunesier – Ben Said von AVS Forma/AVS Tunisia und unsere Mentorin hier im Haus. Sie ist seit zwanzig Jahren bei uns tätig und konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Pflege arbeiten.

Und nun ist sie eine Art Mentorin?

Ja. Da wir schon immer ein Ausbildungsbetrieb waren, haben wir sie zur Mentorin weitergebildet, und jetzt ist sie eben auch für die ausländischen Fachkräfte zuständig. Sie hat sehr viel Know How speziell auf unser Haus bezogen und weiß, wie die Dinge hier laufen. Das ist ganz viel inoffizielles Wissen, das so wichtig ist, weitergegeben zu werden, damit wir alle miteinander klarkommen. Internationale Fachkräfte brauchen klare Ansagen: Dies verlange ich von dir, aber jene Freiheiten gebe ich dir.

Eine gute betriebliche Integration beginnt mit einer ausführlichen Eingewöhnungsphase. Bei uns müssen die Pflegekräfte aus dem Ausland im ersten Monat noch nicht gleich voll arbeiten, sondern erstmal nur Teilzeit. Sie haben noch so viele andere Dinge zu erledigen. Sie bekommen eine gute Einarbeitung, wir zeigen ihnen gerne alles zwei- oder dreimal.

[Werbung] Die Integration von internationalen Fachkräften ist eine individuelle Angelegenheit. Warum eine strategische Herangehensweise gut ist, aber immer auch die Bedürfnisse des ganz konkreten Mitarbeitenden im Blick behalten werden müssen, erkläre ich in meinem Fachratgeber „Wie die Anwerbung von ausländischen Fachkräften gut gelingen kann“,  Maja Roedenbeck Schäfer, Walhalla Verlag, 2018 (Amazon Affiliate Link).

Wie verhindern Sie, dass die Kulturgruppen sich untereinander abschotten?

Ich halte nichts davon, die Kulturgruppen zu trennen, wie es andere Einrichtungen machen. Also so dass auf jeder Station nur eine Person aus jedem Kulturkreis arbeitet. Wir haben bessere Erfahrungen damit gemacht, immer mindestens drei Personen aus einem Kulturkreis zu holen, damit sie sich gegenseitig unterstützen können. Die tunesischen Auszubildenden kommen zum Beispiel in Dreiergruppen. Insgesamt haben wir nun schon neun von ihnen. Aber: Auf der Arbeit müssen alle Deutsch miteinander sprechen. Darauf achten wir streng.

Sind Sie selbst schon einmal in die Herkunftsländer gereist oder woher kommt ihr Einfühlungsvermögen für die ausländischen Mitarbeiter?

Nein, ich war noch nie in Madagaskar oder Tunesien. Ich versuche einfach, ein einfühlsamer Geschäftsführer zu sein. Natürlich gibt es auch bei uns Probleme. Aber das ist normal und das gilt sowohl für die ausländischen, als auch für die deutschen Mitarbeiter. Bei mir läuft viel nach gesundem Menschenverstand. Ich habe mir Ben Said von AVS Forma/AVS Tunisia eingeladen und sein Konzept erklären lassen. Dann habe ich gesagt: Okay, probieren wir es mal mit drei tunesischen Auszubildenden. Wenn ist nicht klappt, ist es kein großes Drama. Wenn unsere Einrichtung größer wäre, würde ich gerne noch viel mehr ausländische Fachkräfte beschäftigen!

Meinen Teams erkläre ich immer: Ihr habt es in der Hand, wie gut die Integration gelingt. Ihr habt die Möglichkeit, etwas draus zu machen. Ich biete euch hier eine helfende Hand. Dieser Mensch soll euer Kollege werden und langfristig eine vollwertige Fachkraft. Das, was ihr ihm beibringt, wird er euch abnehmen können. Je mehr ihr ihm beibringt, je mehr ihr ihn mitnehmt, desto einfacher wird es für euch. Also strengt euch an! Natürlich nimmt das am Anfang sehr viel Zeit in Anspruch und ist auch mit hohen Kosten verbunden. Aber nach einer gewissen Zeit funktioniert es sehr gut. Wir haben uns für den langfristigen, nachhaltigen Weg entschieden, wir bilden die Leute aus. Mit einer fundierten deutschen Ausbildung – ich möchte nicht überheblich klingen – nehmen sie etwas für ihre Zukunft mit, egal ob sie bei uns bleiben oder nicht. Das kann ihnen niemand mehr wegnehmen.

Wann ist eine ausländische Fachkraft wirklich gut integriert?

Wenn Sie unsere ausländischen Mitarbeitenden fragen, ob sie wieder nach Hause gehen wollen, ist das für niemanden eine Option. Die wirtschaftlichen Probleme und Mängel im Gesundheitswesen sind dort einfach zu groß. Woran ich erkenne, dass ein ausländischer Mitarbeiter hier endgültig angekommen ist: Wenn er anfängt, Bayerisch zu sprechen! Unsere Bewohner sprechen teils einen sehr starken Dialekt. Ein Madagasse hat im Goethe Institut natürlich ein anderes Deutsch gelernt. Aber wenn er bereits ist, sich sprachlich anzupassen und wirklich auf die Menschen und die Region hier einzulassen, dann zeigt mir das: Der lebt und arbeitet gerne hier. Und das ist das Ziel!

Ben Said von der Personalvermittlung AVS Forma: „Im Winter besorge ich den tunesischen Auszubildenden Vitamin D“

Wie ist Ihr persönlicher Hintergrund, wie kamen Sie zur Personalvermittlung?

Ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe vor der Gründung meiner Personalvermittlung im Jahr 2018 fünf Jahre in einem Bundesamt als Dolmetscher gearbeitet. Ich habe alles erlebt: Tunesier, die als Geflüchtete kamen, keine Chance auf ein Visum hatten und entweder zurückgeschickt wurden oder schwarz in Deutschland lebten. Dann habe ich gedacht, warum helfe ich ihnen nicht, legal herzukommen?

Wie würden Sie tunesische Menschen beschreiben?

Sie sind sehr flexibel, sprechen mehrere Sprachen, Englisch und Französisch. Sie sind anpassungsfähiger als andere Nordafrikaner. Vom Temperament her sind sie wie Süditaliener. Mit Religion haben sie meist nicht so viel am Hut, jedenfalls sind sie nicht streng gläubig. Ich vermittele zwar mehr Männer, aber auch Frauen, und die Frauen sind nicht so schüchtern wie man das vielleicht aus dem Fernsehen kennt. Sie zögern zwar länger, bevor sie den Schritt in ein anderes Land gehen, aber wenn sie dann gehen, gehen sie ganz alleine, stellen viele Fragen. Sie sind hochgebildet.

Wir wählen die Teilnehmer unseres Vermittlungsprogramms, die bisher bis 40 Jahre alt waren, sehr sorgfältig aus. Sie haben alle ein Abitur und entweder ein dreijähriges Pflegestudium oder eine zweijährige Pflegeausbildung. Ihre Diplome werden sorgfältig durchgeprüft, denn es gibt immer mal schwarze Schafe mit falschen Unterlagen. Aber die sortieren wir aus. Die Teilnehmer absolvieren einen 6-wöchigen Intensivkurs in Deutsch und machen dann die B1-Prüfung beim Goethe Institut.

Währenddessen beobachten wir sie, ihre Arbeitsleistung, ihre Motivation. Wir verlangen ein ärztliches Attest, ein Führungszeugnis, eine psychologische Begutachtung. Bevor ich die ersten Arbeitskräfte vermitteln konnte, bin ich ein Jahr in Vorleistung gegangen, habe tunesische Universitäten besucht. Das kostet viel Zeit, aber mir geht es nicht um Masse, sondern um Qualität. Wenn es mit meinen Leuten in Deutschland klappt, ist das die beste Werbung für mein Unternehmen. Inzwischen habe ich schon 15 Personen vermittelt, sieben weitere verlassen in Kürze das Land. Nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Mechaniker oder Personal für die Hotellerie.

Wie unterstützen Sie die Unternehmen bei der betrieblichen Integration der neuen Mitarbeiter?

Während der Probezeit bleiben wir für beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitsmigrant – ein enger Ansprechpartner. Wir helfen mit den Papieren und beim Kulturschock. Das Wetter ist ein großes Problem für die Tunesier, besonders wenn sie im Winter ankommen. Ich besorge ihnen dann Vitamin D. Man muss viel mit ihnen reden, ihnen erklären, wo sie einkaufen können. Vieles lernen sie bei mir auch schon während der insgesamt 200-stündigen Vorbereitung in Tunesien: Mülltrennung, deutsche Gesetze, deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin. Dass man sich abmelden muss, wenn man krank ist. Diese deutsche Art ist schwer zu erklären. In Tunesien ist man etwas lockerer.

In der ersten Woche in Deutschland sind die Migranten ziemlich verloren. Aber schon ab der zweiten Woche wird es ganz schnell besser. Das fasziniert mich jedes Mal. Sie passen sich schnell an. Bisher ist nur einer meiner Teilnehmer dauerhaft nicht zurechtgekommen. Die Firmen haben Angst, dass die Nordafrikaner kein Durchhaltevermögen haben und nicht lange bleiben. Aber diese Sorge ist absolut unbegründet. Ihr Visum ist an den Ausbildungsvertrag oder den Arbeitsvertrag gekoppelt. Sie müssen und sie wollen bleiben. Die Tunesier haben viel mehr Angst, dass die deutschen Unternehmen ihnen kündigen könnten. Die Arbeitslosenquote ist so hoch in ihrer Heimat, dass sie wirklich alles tun, um bleiben zu können.

Pflegekräfte aus Tunesien: Was kostet Ihre Dienstleistung?

Auszubildende vermitteln wir ab 2.500 Euro pro Person, Fachkräfte ab 4.000 Euro pro Person, zahlbar zur Hälfte bei Vertragsabschluss und zur Hälfte am Ende der Probezeit. Idealerweise wirbt man sie in Fünfergruppen an und lässt sie zusammen in einem Haus leben, sodass sie sich gegenseitig unterstützen können. Wir können auch Physiotherapeuten, Hebammen oder Zahnärzte vermitteln. Gerne komme ich ins Unternehmen und stelle unser Angebot vor oder der deutsche Arbeitgeber kann nach Tunesien kommen und sich anschauen wie wir die Vorbereitung machen. Ich schaue mir im Übrigen auch die Arbeitgeber an. Ich habe Firmen erlebt, die Leute ausnutzen oder in kleine Zimmer stecken. Das möchte ich für meine Teilnehmer natürlich nicht.

Bildquelle: http://www.hdg-hallertau.de/

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