Philippinische Pflegekräfte in Deutschland. Wie man sie holt und wie man sie integriert, damit sie bleiben.

Die Agaplesion Bethanien Diakonie bietet an sechs Standorten in Berlin und Hamburg vollstationäre Pflege, Tagespflege und betreutes Wohnen. Vor drei Jahren hat das Unternehmen einen ersten Versuch mit einer Agentur gewagt, die philippinische Pflegekräfte nach Deutschland vermittelt. Die erste Fachkraft ist im Herbst 2017 eingereist. Ulrike Queitsch, Referentin der Geschäftsführung bei der Agaplesion Bethanien Diakonie, berichtet.

Philippinische Pflegekräfte bei der Agaplesion Bethanien Diakonie: Wie verlief der Start?

Es waren viele Vorbereitungen notwendig. Die philippinischen Behörden sind sehr streng. Wir mussten uns dort erst als Arbeitgeber anerkennen lassen und viele Dokumente übersetzen und beglaubigen lassen. Die Regierung sichert sich dadurch ab, dass es ihren Landsleuten bei uns gut geht und dass sie gegenüber den Mitarbeitern aus Deutschland gleichgestellt sind. Das ist für uns als Agaplesion Bethanien Diakonie selbstverständlich. Aber es gab anscheinend andere Arbeitgeber, die die ausländischen Mitarbeitenden ausgenutzt haben.

Das Land bildet über Bedarf aus und zwar im Bachelor of Science in Nursing. Der ist sehr theorielastig mit einem kleinen Teil Praxis. Durch den Bachelorabschluss ist die Ausbildung höherwertiger als unsere dreijährige Pflegeausbildung. Auf den Philippinen funktioniert daher auch die Pflege anders:  Im Krankenhaus übernehmen Angehörige die Grundpflege 24 Stunden am Tag. Das Pflegepersonal kümmert sich nur um die Behandlungspflege. Pflegeeinrichtungen wie in Deutschland gibt es auf den Philippinen nicht. Pflegebedürftige Menschen werden von der Familie zuhause versorgt. Medizinisch-fachlich sind philippinische Pflegekräfte sehr gut ausgebildet, kennen Diagnosen und Fachbegriffe. Die Grundpflege müssen wir ihnen allerdings noch vermitteln.

Wie funktioniert die Anwerbung der Philippiner?

Im vergangenen Jahr sind wir mit sechs Kollegen, die bisher die Einarbeitung unserer philippinischen Mitarbeiter übernommen haben, nach Manila geflogen. Dort haben wir uns vor Ort die Arbeit der Vermittlungsagentur angesehen, vor allem den Auswahlprozess. Wir besuchten ein staatliches und ein privates Krankenhaus, eine Sprachschule, ein Institut für Demenzkranke. Ich kann jetzt „Herzlich Willkommen“ auf Filipino sagen, das heißt „MABUHAY“!

Mein Eindruck war, dass der Auswahlprozess sehr gut strukturiert ist. Wer Interesse an einer Arbeitsmigration hat, geht zur Vermittlungsagentur und wird von Mitarbeitern am Schalter empfangen. Die Arbeitskräfte geben an, ob sie sich für die Gastronomie, die Arbeit auf einem Schiff oder das Gesundheitswesen interessieren, füllen einen Auswahlbogen aus. Dann geht es in die nächste Stufe des Assessment Centers. Danach beginnt die interne Ausbildung. Für zukünftige Mitarbeiter auf Schiffen wurde eine Original-AIDA-Kabine nachgebaut, in der praxisnah unterrichtet wird. Für die Pflege soll auch ein typisch deutsches Pflegezimmer eingerichtet werden. Von einem solchen reibungslosen Prozess der Anwerbung und Integration ausländischer Fachkräfte sind wir in Deutschland meilenweit entfernt.

[Werbung] Reibungslose Prozesse für die Anwerbung und Integration ausländischer Fachkräfte – das sollte auch für deutsche Arbeitgeber ein erklärtes Ziel sein. Ganz oder gar nicht, muss die Devise leider lauten: Entweder, man kniet sich richtig ins Projekt rein oder lässt es gleich ganz. Warum das so ist, erkläre ich in meinem Fachratgeber „Wie die Anwerbung von ausländischen Fachkräften gut gelingen kann“,  Maja Roedenbeck Schäfer, Walhalla Verlag, 2018 (Amazon Affiliate Link).

Wie würden Sie die Mentalität der Philippiner beschreiben?

Die Reise hat uns geholfen, die Philippiner und ihre Kultur besser zu verstehen. Ich kann nur jedem Arbeitgeber, der mit ausländischen Fachkräften zusammenarbeiten will, empfehlen, sich auf einen Perspektivwechsel einzulassen. Lernen Sie vor Ort die Bewerber kennen! Wir verstehen nun, warum sie zu uns kommen. Warum sie so zurückhaltend sind. Woher die Kulturunterschiede kommen. Menschen auf den Philippinen leben zum Beispiel viel mehr auf die Familie konzentriert. Ihr ganzes Sicherheitsnetz funktioniert dort über die Familie, sie kümmern sich umeinander.

Das haben auch die Agenturen vor Ort verstanden und fahren einen ganzheitlichen Ansatz. Sie sorgen dafür, dass es nicht nur der Person gut geht, die im Ausland arbeiten will. Sondern auch ihrer Familie. Wenn das Haus der Angehörigen durch einen Taifun zerstört wurde, gibt es einen Kredit. Auch daraus können wir als deutsche Arbeitgeber unsere Lehren ziehen: Man muss nicht gleich einen Kredit gewähren, aber ein gewisses Verständnis dafür, dass es nicht nur um die Arbeitskraft geht, hilft schon sehr.

Wie sieht es mit dem Thema Religion aus?

Über 80 Prozent der Philippiner sind römisch-katholisch, daher unserem Kulturkreis nah. Die Fachkräfte wollen ganz konkret nach Deutschland. Obwohl es für sie viel einfacher wäre, in die USA zu gehen, weil sie alle perfekt Englisch sprechen. Englisch ist neben Filipino eine offizielle Landessprache auf den Philippinen. Sie nehmen die hohe Sprachbarriere auf sich, obwohl sie gar keinen Bezug zu uns haben. Aber Deutschland gilt als „gutes Land“, in dem man Freiheiten hat, reisen und sich weiterentwickeln kann, gut bezahlt wird und gute Arbeitsbedingungen vorfindet.

Das wissen die Philippiner, denn sie sind exzellent vernetzt. Sie nutzen soziale Medien intensiv. Auch halten sie Kontakt zu ihren Landleuten, die bereits in Deutschland sind. So sind sie bestens informiert. Wenn sie herkommen, brauche ich ihnen nicht die Integrationsbeauftragten unserer Einrichtungen zu nennen. Die Namen haben sie schon selbst herausgefunden! Was ich sehr schätze ist, wie respektvoll sie mit allen Bewohnern umgehen. Egal in welcher Situation! Sie sind wertschätzend und lächeln immer. Das ist für unsere Bewohner ein echter Zugewinn.

Haben die philippinischen Pflegekräfte Familie?

Einige philippinische Pflegekräfte lassen ihre Partner und ihre Kinder erstmal in der Heimat zurück. Die Kinder werden von Angehörigen betreut. Ein Kind, das in die Grundschule geht, wollen sie nicht aus der gewohnten Umgebung herausreißen. Aber sie nehmen es auf sich, damit es der gesamten Familie besser geht. Die Angehörigen sind sehr stolz darauf, dass ein Familienmitglied im Ausland arbeitet. Sie ermutigen es, die Arbeit fortzuführen. Die Anerkennung der Familie gibt Stärke weiterzumachen. Viele haben bereits Auslandserfahrungen und kennen die Situation, nicht zu Hause zu sein. Dank der modernen Technik können sie am Leben der Familie teilhaben und so ihre Angehörigen sehen und sprechen. Die ersten Philippiner waren jetzt nach zwei Jahren auf Heimatbesuch. Das hat ihnen viel Kraft gegeben. Aber es hat lange gedauert, das Geld dafür zu sparen. Andere haben es zuerst für Reisen in Europa ausgegeben.

Welche Mentalität haben philippinische Pflegekräfte und welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Es gab nie einen Moment, wo wir gedacht haben, das ist zu kompliziert, wir schmeißen alles hin. Aber ihre zurückhaltende Art ist natürlich für uns eine Herausforderung. Zu erkennen, ob sie verstanden haben, was ich erklärt habe, oder ob sie nur aus Höflichkeit nicken. Wir müssen eine Sensibilität dafür entwickeln herauszufinden, ob es ihnen wirklich gut, wenn sie sagen, es geht ihnen gut. Wir haben interkulturelle Trainings für unsere Mitarbeiter angeboten, bevor die ersten internationalen Fachkräfte ankamen. In den Trainings haben wir zum Beispiel ein Kulturquiz gemacht, Informationen über die Philippinen erhalten und die Kulturunterschiede zwischen beiden Ländern erarbeitet. Die Mitarbeiter wurden sensibilisiert. Und allen wurde bewusst, dass sich für die ausländischen Pflegekräfte alle Lebensbereiche ändern werden.

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Die größte Herausforderung ist die Sprachbarriere. Philippinische Pflegekräfte kommen mit dem B2 Sprachniveau her, aber sie müssen noch viel lernen. Wenn sie erstmal Deutsch gelernt haben, sprechen sie allerdings akzentfrei. Es sind bei uns nur zwei Personen einzeln eingereist, die anderen kamen als Gruppe, insgesamt 17 Fachkräfte. Das hat Vor- und Nachteile: Sie können sich gegenseitig unterstützen, aber sie bleiben untereinander und lernen nicht, selbstständig zu sein. Sie sehen nicht die Notwendigkeit, sich in den deutschen Teams zu integrieren, weil sie in ihrer eigenen Kulturgruppe bleiben – und zusätzlich in den Kirchengemeinden, die sie sich meist schnell suchen.

Wir versuchen, dem entgegenzuwirken, indem wir unseren internationalen Fachkräften von Anfang an einen Mentor an die Seite stellen, also eine andere Pflegefachkraft, die mit ihnen 1:1 in den Dienst geht und als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Unsere deutschen Pflegekräfte finden es toll, dass die Philippiner hoch motiviert und lernbereit sind.

Welche Verbesserungen haben Sie im Laufe der Jahre an Ihrem Integrationskonzept für philippinische Pflegekräfte vorgenommen?

Wir haben viel gelernt. Anfangs haben wir alle ausländischen Fachkräfte in einer unserer Einrichtungen in Berlin starten lassen und nach der Einarbeitungsphase auf unsere anderen Standorte verteilt, einige sogar nach Hamburg. Inzwischen wissen wir, dass in den ersten Monaten enge Bindungen wachsen, was sehr positiv ist. Und wenn das gelungen ist, sollte man diese Bindungen nicht wieder auseinanderreißen. Die ausländischen Mitarbeiter sind dann sehr enttäuscht, mit der Eingewöhnung wieder von vorne anfangen zu müssen. Gerade am Anfang entstehen die intensivsten Bekanntschaften. Darum setzen wir sie jetzt von Anfang an dort ein, wo sie langfristig bleiben sollen. Wenn die Möglichkeit vorhanden ist, würde ich pro Wohnbereich oder Station zwei Philippiner einteilen. Sie haben dann zwar nicht immer gleichzeitig Dienst, kennen aber die Situation vor Ort und können sich unterstützen.

Zum Thema Sprache haben wir eine Dozentin für einen zusätzlichen Deutschkurs nach der B2-Prüfung eingestellt, sie übt vor allem die mündliche Kommunikation in Pflegesituationen ein. Vor allem geht es darum, Mut zu vermitteln, die Sprache zu benutzen, auch wenn man noch nicht perfekt ist. Und zwar auch am Telefon! Viele haben Angst, ans Telefon zu gehen, weil sie die deutschen Kollegen dort noch schwerer verstehen als im persönlichen Kontakt. Besonders wenn ein Arzt rangeht, der sich nicht die Zeit nimmt, langsam zu sprechen oder wiederholt zu fragen: „Haben Sie mich verstanden?“ Ich als Integrationsbeauftragte bin an diesen Problemen sehr nah dran, aber auch den Mentoren gegenüber öffnen sich die ausländischen Kollegen. Ich bestärke sie nachzufragen, ob sie es richtig verstanden haben.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Bis vor einem Jahr stand unsere Entscheidung fest, keine anderen Kulturen dazu zu holen, weil wir uns nun einmal mit den Philippinen auseinandergesetzt hatten. Zukünftig werden wir aber nun doch auch in Nordmazedonien und Serbien ausländische Fachkräfte rekrutieren. Wir merken, dass es viele philippinische Pflegekräfte langfristig eher ins Krankenhaus zieht. Die Altenpflege als Beruf kennen sie nicht. Außerdem ist sie sehr körperlich. Für die philippinischen Mitarbeiter, die meist klein und zierlich sind, ist das sehr anstrengend. Allerdings, wenn sie dann im Krankenhaus arbeiten, merken sie, dass es dort auch nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt haben. In Deutschland ist das Gesundheitswesen anders organisiert. Dieser hohe Stressfaktor ist neu für sie. Es gab auch wieder Mitarbeiter die zurück in die Altenpflege gekommen sind, da ihnen die langfristige Beziehung zu den Bewohnern gefehlt hat.

Welche Tipps haben Sie für andere Unternehmen, die sich ans internationale Recruiting wagen wollen?

Bleiben Sie so nah dran wie Sie können! Bekommen Sie heraus, wie es den Mitarbeitern wirklich geht! Das sind sehr individuelle Probleme. Der eine hätte gerne eine andere Wohnung und findet keine. Der andere würde lieber nur Frühschichten machen, damit er abends mit seinem Kind skypen und Gute Nacht sagen kann. Bei einer Kollegin ist der Großvater gestorben. Und es war ganz schlimm für sie, dass sie nicht für ihre Familie da sein konnte. Um so etwas herauszufinden, braucht es Fingerspitzengefühl und eine Vertrauensperson. Es geht ums Zuhören und darum, eine Lösung zu finden. Wir haben zum Beispiel einen Gehaltsvorschuss für den Flug nach Hause gewährt.

Die meisten sind einfach junge Menschen mit den Bedürfnissen junger Menschen. Sie wollen ausgehen, feiern, reisen, arbeiten, sich weiter entwickeln. Man muss nah dran sein, sonst sind sie schneller weg als man denkt. Und wenn einer geht, nimmt er die anderen mit. Es geht oft um Kleinigkeiten. Wir hatten eine Mitarbeiterin, die anfangs in Teilzeit eingesetzt war, damit sie sich gut eingewöhnen konnte. Sie brauchte aber mehr Geld. Und sie wusste nicht, dass sie bei uns einfach einen Antrag auf Stundenerhöhung hätte stellen können. Sie hat uns verlassen, weil sie in einem anderen Gesundheitsunternehmen einen 40-Stunden-Job angeboten bekommen hat. Daraus haben wir gelernt, dass wir auch Dinge erklären müssen, die für uns selbstverständlich sind.

Dass unsere ausländischen Fachkräfte wirklich in Deutschland angekommen sind, merke ich in kleinen Momenten. Es gab eine lustige Episode, da habe ich eine Philippinerin an unserem Standort in Hamburg besucht. Sie aß gerade asiatischen Reis mit deutscher Bratwurst. Sie hat einfach beide Kulturen gemixt!

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