Schon lange wollte ich mich hier im Blog einmal mit Buurtzorg (sprich: Bürt-Sorg) beschäftigen. Falls es jemanden gibt, der noch nicht davon gehört hat, obwohl der Anbieter in unserer Branche derzeit in aller Munde ist, fasst Wikipedia es so zusammen: „Buurtzorg ist eine niederländische Organisation zur häuslichen Altenpflege, die wegen ihres neuen Ansatzes, unabhängige Pflegeteams aufzustellen, dabei qualitativ hochwertige Pflege zu leisten und dennoch bei einem niedrigen Kostenlevel zu arbeiten, für internationale Aufmerksamkeit sorgt.“ Der Name bedeutet „Nachbarschaftshilfe“. Auf dem 15. Contec Forum am 17. Januar in Berlin hatte ich nun die Gelegenheit, einen Vortrag von Gunnar Sander von Sander Pflege zu hören, der das Buurtzorg-Prinzip vor einem Jahr nach Deutschland (genauer gesagt ins Münsterland) geholt hat. Der folgende Artikel ist der leichteren Lesbarkeit wegen als Interview formuliert, jedoch hat ein persönliches Interview nicht stattgefunden, sondern ich habe die Fragen und Antworten der Struktur des Vortrags nachempfunden.


Wie funktioniert das Modell Buurtzorg?

Das Anliegen des Gründers Jos de Blok war es, den Verwaltungsapparat hinter der Pflege abzuschaffen und die Prozesse zu „entindustrialisieren“. In seiner Organisation gibt es kein Organigramm und keine Hierarchien, keine Pflegedienst- oder Regionalleitungen, sondern nur ambulante Pflegeteams aus jeweils 12 Fachkräften, die den gesamten Arbeitsprozess selbstständig steuern: die Kundenakquise, die Mitarbeitergewinnung, das Arbeitszeitmodell, die Tourenplanung, die Pflege, die Finanzen, das Qualitätsmanagement. Die Mitarbeitenden zahlen sich sogar ihr Gehalt selber aus.

Inzwischen arbeiten 14.000 Pflegekräfte in 1.000 Teams für Buurtzorg und es gibt nur eine sehr schlanke Verwaltung aus 50 Mitarbeitenden. Sie verstehen sich als Berater und können bei Problemen angerufen werden, stellen Informationen zur Verfügung und befähigen die Teams zur eigenen Entscheidungsfindung. Dem zugrunde liegt eine Software, in der alle Prozesse und auch die Finanzen wie Kosten und Einnahmestrukturen transparent für alle zugänglich sind und Wissen und Erfahrungen geteilt werden können. Alle Mitarbeitenden haben dafür einen Tablet.

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Wie kann das im Arbeitsalltag funktionieren?

Die Buurtzorg-Pflegekräfte aktivieren den Patienten und sein Umfeld. Das kostet anfangs viel Zeit, reduziert aber mittelfristig die Arbeit und die Kosten. Sie schauen, welche Tätigkeiten der Patient noch selbst erledigen kann, und üben diese mit ihm, bis es klappt. Aktivierende Pflege ist hier kein leeres Konzept! Dann wird geschaut, welche Freunde, Angehörigen oder Nachbarn welche Aufgaben noch übernehmen können. Selbst Angehörige, die vorher gesagt haben: „Ich kann meinen Partner nicht pflegen, weil er so viel wiegt“, lassen sich darauf ein, wenn sie wissen, dass sie wirklich nur das machen müssen, was sie möchten, und so lange sie es schaffen. Das Modell ist sehr flexibel. Vielleicht kann die Nachbarin morgens die Stützstrümpfe anziehen helfen, am Abend kommt zum Ausziehen eine Pflegekraft. Der Pflegedienst wird als Partner im Leben betrachtet, vergleichbar mit dem früheren Modell der Gemeindeschwester.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Mitarbeitenden diese Freiheit ausnutzen?

Die Motivation der Pflegekräfte steigt, wenn sie selbst mehr Verantwortung für das eigene Tun übernehmen dürfen und merken, dass ihnen vertraut wird. Sie erleben das als Wertschätzung – genauso wie das sehr positive Kundenfeedback nach dem Motto: „Das ist ja toll, wie Sie uns ganzheitlich helfen!“ Und das, obwohl die Familien ja mit anpacken müssen!

Bei Buurtzorg herrscht keinesfalls Anarchie. Die Niederländer sagen: Es gibt keine bessere Kontrollinstanz als das eigene Team. Dadurch, dass die Rollen wechseln und eine Woche der eine und in der nächsten Woche jemand anders für die Dienstplanung zuständig ist, kann auch keiner benachteiligt werden. Es kann sich auch niemand mehr bei Problemen zurückziehen und sagen: „Da müssen wir wohl mal den Chef rufen.“

[WERBUNG] Der Leitfaden „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux (Vahlen Verlag, 2016; Amazon Affiliate Link) diente den niederländischen Buurtzorg Gründern als Inspirationsquelle für ihren völlig neuen Organisationsansatz in der ambulanten Pflege. Wer es also nachmachen will, der kann hier ein paar wichtige Tipps finden, um sein Projekt auf ein solides strategisches Fundament zu stellen.

Wie funktioniert das Recruiting bei Buurtzorg?

Es gibt keine Personalabteilung, die das übernehmen könnte. Wir brauchen aber auch keine einzige Stellenanzeige zu schalten. Die Pflegekräfte wollen bei uns arbeiten, sie kommen von ganz allein. Alle haben sich danach gesehnt, dass endlich die lange festgefahrenen und offensichtlich nicht funktionstüchtigen Strukturen in der Pflege aufgebrochen werden würden. Und nun, wo es soweit ist, wollen sie dabei sein.

Konnten Sie das niederländische Konzept 1:1 auf Deutschland übertragen?

Vor zwei, drei Jahren habe ich zum ersten Mal von Buurtzorg gehört und war begeistert. Es macht mich glücklich zu sehen, wie eine Gesellschaft mittels der Nächstenliebe funktioniert. Dennoch war es ein Wagnis, es in Deutschland zu versuchen. Man sagt ja: „In Holland gibt es keine Gardinen.“ Das soll heißen: Die Menschen sind enger in ihrer Nachbarschaft verwurzelt, sie leben mehr miteinander. Das Ehrenamt hat dort einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Hier ist es etwas aufwändiger, die Freunde und Angehörigen zu motivieren.

Inzwischen arbeiten wir an vier Sander Pflege-Standorten nach dem Buurtzorg-Prinzip. Zwei Teams sind komplett, zwei bestehen erst aus sieben beziehungsweise acht Fachkräften. Wir können schon absehen, dass die Patienten- und Mitarbeitendenzufriedenheit signifikant gestiegen ist, auch wenn es noch keine Zahlen zur langfristigen Evaluation gibt.

Bekommen Sie Hilfe aus den Niederlanden?

Wir haben inzwischen zwei deutsche Coaches und zusätzlich kommt einmal im Monat jemand aus den Niederlanden, um zu helfen. Mit dem Back Office und der IT klappt es noch nicht ohne Probleme und die Kosteneinsparungen von 30% wie die Niederländer erreichen wir auch noch nicht. Aber es wird immer besser.

In den Niederlanden haben Pflegekräfte einen Bachelor-Abschluss. Die ersten zehn Pflegekräfte, die ich dort kennengelernt habe, wären hierzulande exzellente Leitungskräfte gewesen. Man könnte nun denken, dass Pflegekräfte mit einem Ausbildungsabschluss oder Pflegehelfer das mit der Selbstorganisation vielleicht nicht so gut hinkriegen. Aber ich kann nun aus der Erfahrung sagen: Es klappt! Gerade da, wo die Qualifikation fehlt, entwickeln sich oft die größten Potentiale. Die Probleme, die man als Pflegedienstleitung früher hatte, wenn jemand wegen Krankheit ausgefallen war, gibt es nicht mehr. Die Teams regeln das!

[WERBUNG] Unternehmen und Organisationen ganz neu denken – wer traut sich? Der Satz „Das haben wir schon immer so gemacht“ muss dann aus dem Repertoire gestrichen werden. Eine Anleitung liefert der Leitfaden „Das kollegial geführte Unternehmen: Ideen und Praktiken für die agile Organisation von morgen“ von Bernd Österreich und Claudia Schröder (Vahlen Verlag, 2016; Amazon Affiliate Link).

Welches sind die nächsten Herausforderungen, die Sie lösen müssen?

Wir suchen gerade nach weiteren Lizenzpartnern und müssen dringend unsere Software und Hardware-Ausstattung weiterentwickeln. Eine offene Frage ist, ob wir in Deutschland noch besser mit dem Buurtzorg-Modell arbeiten könnten, wenn wir eine höhere Vergütung zahlen könnten. Die Niederlande geben doppelt so viel Geld pro Kopf für die Pflege aus als Deutschland. Die Pflegekräfte verdienen demnach auch mehr.

Wir brauchen außerdem eine einfachere Abrechnung im SGB V. Die Buurtzorg-Pflegekräfte in den Niederlanden müssen nicht nach verordneten Einzelleistungen abrechnen. Es geht auch nicht um die Pflegestufe. Sie rechnen nach Stunden ab. Sie arbeiten nicht profitorientiert, sondern sollen eine sozialverträgliche Rendite von 3% erwirtschaften. Dadurch konnte auch die Deckelung der Leistungen abgeschafft werden, weil ohne Profitdenken auch wirklich nur das Notwendige gemacht wird. Das verhandeln wir gerade mit den Krankenkassen und dem MDK. So weit wie die Niederlande, wo der MDK komplett abgeschafft wurde und sogar auch schon Pflegeheime nach dem Buurtzorg-Prinzip arbeiten, sind wir noch nicht!

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